Plötzlich geht es voran

Geht es nach Karl Lauterbach (SPD) und Jens Spahn (CDU), gilt künftig jeder als Organspender, der zu Lebzeiten nicht explizit widerspricht. Allerdings werden die Angehörigen noch gefragt, ob der Verstorbene ihnen gegenüber erklärt hat, dass er gegen die Spende war.

Das Ziel des Gesetzentwurfs ist klar: mehr Organspender. In Deutschland warten etwa 10.000 Menschen auf eine Niere, eine Leber, ein Herz oder ein anderes Organ. In vielen anderen europäischen Ländern sind die Spenderzahlen höher als bei uns. Es muss sich etwas ändern.

In vielen Ländern gilt bereits eine Widerspruchslösung. Zum Teil sogar eine, bei der nicht einmal mehr die Angehörigen konsultiert werden.

Es scheint simpel: Mit der Widerspruchslösung erreicht man höhere Spenderzahlen. Mit der in Deutschland geltenden Entscheidungslösung, bei der die Organentnahme nur mit Zustimmung des Verstorbenen oder der Angehörigen erlaubt ist, niedrigere.

Jens Spahn twitterte im Vorfeld der Bundestagsdebatte, er unterstütze die Widerspruchslösung, „weil alles andere keine substanziellen Verbesserungen für die vielen tausend Patienten bringen wird“.

Doch das ist ein Trugschluss.

Der entscheidende Hebel sind die Kliniken

2018 berichteten Ärzte in einer Studie im „Deutschen Ärzteblatt“, dass es vor allem an einer Stelle hakt: Die Kliniken melden zu selten potentielle Spender an die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Sie kamen zum Schluss: Würden alle Kliniken so arbeiten wie einige Krankenhäuser das im Rahmen eines Modellprojekts taten, hätte es im Jahr 2018 statt 877 etwa 2780 Organspenden gegeben.

Das wäre eine Verdreifachung der Spenderzahlen – ohne die Entscheidungslösung durch die Widerspruchslösung zu ersetzen!

Warum dreht die Politik nicht an dieser offensichtlich wichtigen Stellschraube? Die Antwort ist verblüffend: Das hat sie schon.

Die entsprechende Novelle des Transplantationsgesetzes hat bereits den Bundesrat passiert. Die Transplantationsbeauftragten in Kliniken erhalten mehr Zeit für diese wichtige Aufgabe. Kliniken werden für Organspenden besser vergütet. Mobile Expertenteams sollen künftig Krankenhäuser bei der Hirntod-Diagnostik unterstützen.

Und der Bonus dieser Novelle: Keine dieser Maßnahmen schränkt die Freiheitsrechte der Bürger ein, wie es die Widerspruchslösung tun würde. Herzlichen Glückwunsch, Herr Spahn!

Um wessen Organe geht es?

Wer für die Widerspruchslösung ist, muss sich die Frage stellen: Wer würde durch die Änderung zum Organspender, der mit der Entscheidungslösung keiner ist? Es werden jene Menschen sein, die sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen konnten oder wollten.

Wer eine klare Meinung zur Organspende hat und dieses Pro oder Contra auf einem Organspendeausweis dokumentiert und seinen Angehörigen mitgeteilt hat, für den ändert sich durch die Widerspruchslösung fast nichts. Er muss sich lediglich in ein neues Register eintragen lassen oder weiter auf das Eingreifen seiner Angehörigen vertrauen.

Wer sich aber überfordert fühlt, wer sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht entscheiden will oder kann, der wird bei der Widerspruchslösung einfach zum Spender erklärt. Wer keine Angehörigen hat, die dann intervenieren, dessen Organe werden entnommen.

Selbstverständlich würden auch diese Organe Leben retten, und das ist ein Argument, dem sich nur schwer etwas entgegensetzen lässt. Doch diese Rettung hätte mindestens den Preis, dass nicht nur jene Menschen Organe spenden, die dies explizit wollten. Das ist ein ungleich höherer Preis als großzügigere Zeitkontingente für Transplantationsbeauftrage und bessere Vergütung für Entnahmekliniken.

Wollen Sie ihn zahlen?

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