Medizin-Professor über Hysterie: Potential sich über Oberflächen anzustecken, ist gering

Wie groß ist die Gefahr, sich über den Haltegriff in der U-Bahn, am Einkaufswagen oder über Geld mit dem neuartigen Coronavirus anzustecken? FOCUS Online fragte einen Experten, der zum Infektionsrisiko von Coronaviren forscht. Wovor er warnt und was übertrieben ist.

Die Ansteckung mit Covid-19 am besten vermeiden, das hofft jeder. Türklinken, der Griff am Einkaufswagen und letztlich jeder Alltagsgegenstand, könnte mit Viren vorübergehend kontaminiert sein. Jeder, der sie berührt, könnte sich infizieren, so die Befürchtung einiger Menschen.

22 Studien zu Coronaviren

Tatsache ist, „dass die Coronaviren im Durchschnitt zwei bis fünf Tage auf Oberflächen nachweisbar sind“, stellt Günter Kampf klar, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Greifswald. Gemeinsam mit Kollegen analysierte er Erkenntnisse aus 22 Studien zu Coronaviren, dabei auch das seit 2003 bekannte SARS-CoV-1, und wie sich die Erreger inaktivieren lassen.

Neue Ergebnisse einer Untersuchung des US-National Institutes of Health mit dem aktuell grassierendem SARS-CoV-2 deuten auf ein zwei- bis dreitägies Überleben auf Plastik und Edelstahl hin.

Es kommt auf die Menge der Viren an

Für die Überlebenszeit der Viren kommt es aber weniger darauf an, aus welchem Material die Oberfläche besteht. Ausschlaggebend ist, wie hoch die Virenbelastung ausfällt. Je höher sie ist, desto länger besteht ein Übertragungsrisiko über die kontaminierte Oberfläche.

Die Gefahr, sich etwa über einen Türgriff, den ein Infizierter angefasst hat, anzustecken, sei aber ausgesprochen gering, betont der Professor. Über den Umweg von der Hand des Infizierten auf die Fläche und danach von der Fläche auf die Hand einer anderen Person nimmt die Anzahl der Viren bereits stark ab und reicht dann wahrscheinlich kaum noch, jemanden zu infizieren.

Großer Unterschied, ob Viren direkt landen oder einen Umweg nehmen

Anders ist es, wenn der Kranke den Griff anniest oder hustet, weil dann alle Viren mit den Tröpfchen direkt auf der Oberfläche landen. In diesem Fall hat man mit einer größeren Virenzahl auf der Fläche zu rechnen, von der ein Teil auf die eigenen Hände gelangen kann. Doch auch dabei kommt es darauf an, wie gut die individuelle Abwehrlage beziehungsweise das Immunsystem ist.

In erster Linie verbreitet sich Covid-19 bekanntlich als Tröpfcheninfektion, die Viren sind also an die Tröpfchen, Aerolose gebunden, die beim Niesen, Husten oder Sprechen in die Umgebungsluft gelangen. Im Bereich von ein bis zwei Metern um den Infizierten ist das Risiko also erhöht. Auf den Aerosolen könnten die Viren nur wenige Stunden lebensfähig sein.

Damit scheint die Überlebensfähigkeit von SARS-CoV-2 dem zuerst aufgetretenen SARS-CoV-1 ziemlich zu ähneln. 

Coronaviren sind empfindlich gegenüber hohen Temperaturen

Insgesamt gilt das neue Coronavirus wegen seiner Eiweißhülle als relativ empfindlich, dabei kommt es jedoch auch auf äußere Bedingungen an. Niedrige Temperaturen, die deutlich unter der normalen Raumtemperatur von 21 Grad liegen, fördern das Überleben der Erreger, sie lassen sich länger auf Flächen nachweisen.

Anders ist das mit Wärme. „Trockene Hitze scheint für dieses Coronavirus ungünstig zu sein“, fasst der Experte zusammen. Der Zusammenhang zwischen hoher Temperatur und Virenmenge ist bekannt und wird zur Desinfektion durch Wärme beziehungsweise Hitze genutzt.

Deshalb jedoch auf Lüften zu verzichten, wäre falsch. Denn die Viren befinden sich ja nicht allgemein in der Luft, sondern sind an Tröpfchen gebunden, die auf den Boden absinken.

Desinfizieren zu Hause ist übertrieben

„Das Ansteckungsrisiko über Oberflächen ist aktuell aus meiner Sicht gering, wenn man davon ausgeht, dass die Mehrzahl der Infizierten in häuslicher Quarantäne ist“, sagt der Hygienemediziner.

Desinfektionsmittel zu Hause sind beim aktuellen Stand der Infektion nicht nötig, Ausnahme: Praxen, Gemeinschaftseinrichtungen wie Altenheime, und vor allem Kliniken. Im Haushalt reichen zum Reinigen von Oberflächen handelsübliche, einfache Putzmittel.

Ansteckung durch Menschen, die infiziert sind, aber nicht erkrankt

Allerdings gibt es einzelne Personen, die medizinisch gesund sind, das Virus jedoch ausscheiden. Das zeige ein Beispiel von Deutschen, die aus China kamen, berichtet der Experte. Das Gesundheitsamt Frankfurt entdeckte unter ihnen zwei, die gesund waren, aber das Virus in sich trugen und es so beim Niesen und Husten hätten abgeben können.

Für jeden wichtig sind deshalb diese drei Regeln:

Handdesinfektion in den allermeisten Fällen nicht nötig, kann indirekt andere gefährden

Noch ein Nachsatz zur Handdesinfektion: Möchten Sie trotzdem ein Handdesinfektionsmittel anwenden, etwa weil Sie längere Zeit keine Möglichkeit haben, die Hände zu waschen, sollten Sie ein Produkt nehmen, das gegen behüllte Viren wirkt, also begrenzt viruzid ist. Im normalen Leben sind diese Maßnahmen jedoch nicht nötig.

Der Ausverkauf und das unnötige private Horten von Händedesinfektionsmitteln ist im Gegenteil sogar unreflektiert und potenziell gefährlich – weil es einen Engpass bei diesen Produkten im Gesundheitswesen nach sich zieht. Das wiederum kann die Behandlung von Schwerkranken in Kliniken und Praxen erschweren. Für diese Patienten ist die gezielte Desinfektion lebenswichtig. Verantwortungsbewusst handeln heißt es also, was bedeutet, die genannten Hygieneregeln einzuhalten, Übertreibungen zu unterlassen und damit sich selbst und andere schützen.

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FOCUS Online/Wochit Wo tritt Coronavirus auf? Echtzeit-Karte zeigt die Verbreitung der Krankheit

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