Forscher finden Biomarker im Blut, der Krebs und Demenz im Alter vorhersagen soll

In den USA wollen Wissenschaftler eine neue Methode entwickelt haben, um Risikofaktoren für schwere Krankheiten im Alter wie Krebs und Demenz auszumachen. Dabei stützen sie sich auf das Vorkommen bestimmter Biomarker im Körper. Welche Chancen diese „Entzündungsuhr“ bietet, erklären Experten.

Wer schon in jungen Jahren erfahren könnte, welche Krankheiten ihm im Alter drohen, könnte rechtzeitig vorbeugen. Dafür ist es allerdings notwendig, das eigene Risiko für bestimmte Altersleiden zu kennen. Eine Methode dafür wollen US-Wissenschaftler nun gefunden haben: Sie nennen sie die „Entzündungsuhr“ des Körpers.

Sie soll herausfinden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Krebserkrankung, ein Herz-Kreislauf-Leiden oder eine Demenz ist. Die Forscher entwickelten diese, um bestimmte Beschwerden frühzeitig zu erkennen und den richtigen Krankheiten zuzuordnen. Damit steigen die Chancen, die genannten Leiden bestmöglich zu therapieren. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler am Montag im Fachblatt „Nature Aging“.

Biomarker geben Hinweise auf laufende Entzündungsreaktionen

Als Basis dieser Uhr dient das menschliche Immunsystem. Die Wissenschaftler betrachteten dabei bestimmte Entzündungsreaktionen, die bei älteren Menschen vermehrt und chronisch vorkommen. Bei diesem „Entzündungsaltern“ (auf Englisch: „inflammaging“) handelt es sich um eine diffuse Reaktion der Immunabwehr, mit der die Wahrscheinlichkeit steigt, an Krebs, Herz-Kreislauf-Leiden oder Demenz zu erkranken.

Um nun das Risiko für besagte Krankheiten früher einzuschätzen zu können, entwickelten die Wissenschaftler um David Furman vom Buck Institute for Research on Aging in Kalifornien die auf künstlicher Inzelligenz beruhende „inflammatory aging clock“ (kurz: „iAge“). Diese berücksichtigt verschiedene Biomarker, deren Existenz oder Konzentration auf akute oder künftige Entzündungsreaktionen hinweisen können. Die Werte der Biomarker im Blut schwanken je nach Alter. Die Entzündungsuhr kann den Forschern zufolge dann einschätzen, welches Alter ein Patient auf Basis der Blutmarker, also des Entzündungszustands, haben müsste.

Das Fazit der Studienautoren lautete: Menschen mit einem höheren „iAge“-Alter haben aufgrund ihres Musters für altersbedingte, systemische Entzündungen ein höheres Risiko, bestimmte Krankheiten zu entwickeln. Auch im jüngeren Alter könnten diese eine verminderte Immunität, Herz-Kreislauf-Schwächen oder Gebrechlichkeit entwickeln.

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Wissenschaftler machen Protein als Risikofaktor aus

Besonders ein Faktor trug laut den Forschern dazu bei, das Risiko für bestimmte Krankheiten zu erhöhen, indem er etwa die Funktion der Blutgefäße behinderte. Dabei handelt es sich um ein Protein (Chemokin CXCL9), welches normalerweise zur Aktivierung von T-Zellen im Immunsystem beiträgt. Im Alter kann es allerdings vermehrt freigesetzt werden und stoppt damit unter anderem die Zellteilung. Laut den Wissenschaftlern könnte demnach unter anderem die Behandlung dieses Proteins dabei helfen, um das Risiko für altersbedingte Krankheiten und das Nachlassen des Immunsystems zu verringern.

Auch weitere Experten halten die Ergebnisse der Studie für zukunftsrelevant. „Dieser Biomarker scheint geeignet, die entzündliche Last eines Patienten abzuschätzen und Rückschlüsse auf den gesamten Gesundheitszustand zu ermöglichen“, schätzt Helmut Frohnhofen, Altersmediziner des Universitätsklinikums Düsseldorf, die Daten ein. In einer Gruppe gesunder Personen könnten diejenigen identifiziert werden, die bei noch fehlenden konventionellen Risikofaktoren ein erhöhtes Krankheitsrisiko in sich tragen.

Diese Menschen könnten man dann bereits präventiv behandeln, so Frohnhofen. „Prävention ist eine der wichtigsten Säulen in unserem Gesundheitssystem und von enormer Relevanz für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft.“

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Biochemiker: Umsetzung der Methode muss zunächst überprüft werden

Auch Christian Kosan vom Institut für Biochemie und Biophysik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena bewertet die Ergebnisse positiv: „Diese Methode bietet im Vergleich zu anderen ,biologischen Uhren‘ (Genexpression, epigenetische Marker oder auch Immunzellen) den Vorteil, dass die zu messenden Parameter schnell, kostengünstig und relativ einfach gewonnen werden können.“

Ihre Bedeutung für präventive Maßnahmen schränkt er allerdings etwas ein. Es sei „schwer vorherzusagen, ob die hier gezeigten Daten in der Praxis wirklich genutzt werden können, da diese Experimente unter sehr standardisierten Versuchsbedingungen gewonnen wurden, die nicht überall gewährleistet werden können.“ Auch sei es fraglich, ob sich die durch statistische Verfahren ermittelten Ergebnisse auch in einem Individuum mit der gleichen Genauigkeit gemessen und exakt bestimmt werden könnten. Dies müsste durch Feldstudien zunächst überprüft werden. Falls sich die „Entzündungsuhr“-Methode jedoch in der Praxis bestätigt, könnte das unseren Umgang mit Krankheiten im Alter und deren Heilungschancen grundlegend verändern.

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