Covid

Als im Winter die zweite Corona-Welle ihren Höhepunkt erreichte, ging der Fotograf Tobias Wuntke mit seiner Kamera auf die Intensivstation der Uniklinik Tübingen und dokumentierte, was sonst fast niemand sieht.

Vier Schichten lang begleitete er das Pflegepersonal bei seinem Kampf um das Leben und die Gesundheit der Patientinnen und Patienten. Auf mehr als 700 Bildern hat er den Alltag auf der Station festgehalten, ungeschönt.

Die Idee für das Projekt kam von einer der Pflegekräfte selbst, Franziska Strasser. Seit fast 30 Jahren arbeitet sie in der Intensivpflege. Schon während der ersten Welle lagen viele Covid-Erkrankte in Tübingen auf der Intensivstation.

»Das ganze Team war von dieser Zeit und diesen Erfahrungen total geprägt«, erzählt sie. »Es hat mich erschreckt, wie schnell dann im Sommer alle wieder zur Normalität zurückgekehrt sind und wie schnell Anteilnahme und Solidarität in der Bevölkerung gesunken sind.«

Als sich die zweite Welle ankündigte, hatte sie den Impuls, die Situation auf der Intensivstation festzuhalten. »Diese Bilder sind Zeitdokumente«, sagt Strasser. »Das ist ein Kampf, der hinter verschlossenen Türen geführt wurde. Und mir war klar: Das muss an die Öffentlichkeit.«

Über Nacht liegen viele künstlich beatmete Covid-Patienten auf dem Bauch, um die Lunge zu entlasten. »Morgens stellen wir dann die Schlafmittel aus und warten, bis die Patienten einigermaßen wach sind«, erzählt Strasser. Anschließend helfen zwei bis drei Pfleger, sie auf die Bettkante zu setzen. »Das ist ein enormer Aufwand«, sagt Strasser. »Bis der Patient sitzt und wieder liegt, braucht man mindestens 40 Minuten.«

Am Rücken des Mannes verlaufen Schläuche, durch die er unter anderem künstlich ernährt wird und verschiedene Medikamente erhält.

Viele aus dem Pflegeteam waren anfangs skeptisch, als sie von dem Foto-Projekt hörten. »Sie haben gefragt, wer das denn sehen will«, sagt Strasser. »Ich hatte das Gefühl, das Team war einfach so ausgelaugt, sie hatten eigentlich keinen Kopf für sowas.«

Die wenigen, die bislang die Bilder sehen konnten, reagierten jedoch sehr betroffen. »Manche standen davor und hatten Tränen in den Augen«, erzählt Strasser. »Einfach, weil man jedes Bild mit einer Geschichte verbindet.«

Ein Pfleger am Ende seines Dienstes. Sein Gesicht ist gezeichnet von den Spuren der Schutzmaske.

»Solche Abdrücke hatten wir alle«, erzählt Strasser. »Die FFP3-Masken sind sehr eng und man schwitzt irgendwann darunter. Wenn man einmal im Patientenzimmer ist und sich die Schutzkleidung angezogen hat, überlegt man sich aber gut, ob man das mehrmals in einer Schicht auszieht. Eigentlich ist es so, dass wir in der Regel alle die gesamte Schicht über im Patientenzimmer bleiben und wir auch die Masken sieben Stunden aufhaben.«

Trotz aller Herausforderungen ist der Intensivpflegerin jedoch auch wichtig zu sagen: »Es ist ein unheimlich anstrengender, aber auch unheimlich schöner Beruf.«

Morgens dreht ein Team die Patientinnen und Patienten von der Bauchlage in die Rückenlage. »Das ist ein extrem gefährlicher Moment, da sich unendlich viele Schläuche um den Patienten wickeln«, erzählt Strasser. Hinzu kommt, dass die Schwerstkranken für einen kurzen Moment von den Überwachungsmonitoren getrennt werden müssen. Deshalb gilt es, so schnell wie möglich zu arbeiten. »Das ist auch kräftemäßig in dieser Schutzkleidung wahnsinnig anstrengend«, sagt Strasser.

Einer der Patienten, der Anfang des Jahres in Tübingen auf der Intensivstation lag, war Walter Brummel. Der 56-Jährige arbeitet als Geschäftsleiter in einem großen Einzelhandelsbetrieb mit 120 Mitarbeitern.

Am 5. Dezember hatte Brummel einen Hörsturz. Abends fuhr er ins Krankenhaus, wo er aufgenommen und mit Infusionen behandelt wurde. Am achten Tag seines Aufenthalts entwickelte sich das Krankenhaus zum Corona-Hotspot. Auch Brummel infizierte sich.

»Als man mir mitgeteilt hat, dass ich Corona-positiv bin, dachte ich noch: Das ist jetzt blöd, ich arbeite ja im Einzelhandel, dann kann ich vielleicht nicht beim Weihnachtsgeschäft mitmachen«, erzählt er.

Freitags erfuhr Brummel von seiner Infektion, dienstags bekam er Fieber, Schüttelfrost und Durchfall, danach schwindet seine Erinnerung. Am 23. Dezember wird er mit einem Hubschrauber nach Tübingen verlegt, wo ihn die Ärzte an ein ECMO-Gerät anschließen. Seine Lunge versagt so stark, dass auch eine künstliche Beatmung nicht mehr ausreicht. Bei der ECMO-Therapie wird das Blut außerhalb des Körpers in eine Herz-Lungen-Maschine gepumpt, die Kohlendioxid entfernt und es mit Sauerstoff anreichert.

Viele Menschen aus seinem Bekannten- und Freundeskreis hätten nicht damit gerechnet, dass es ihn so stark treffen könnte, sagt Brummel. Auch er selbst hätte das noch im Sommer nicht für möglich gehalten.

»Alle Bekannten waren mehr als entsetzt«, erzählt er. »Ganz, ganz viele haben gesagt: Ich dachte, das ist eher wie eine leichte Grippe.« Dann habe er geantworte: Ja, bei 80, 90 Prozent könne das eine leichte Grippe sein. Daneben gebe es jedoch auch extreme Fälle wie seinen. »Es kann jeden treffen.«

Vorerkrankungen konnten die Ärzte bislang nicht finden, abgesehen von Bluthochdruck und Tinnitus. »Durch den Hörsturz war das Immunsystem wahrscheinlich so angegriffen, dass sich Covid schön drauflegen konnte«, mutmaßt er.

An die Zeit auf der Intensivstation kann sich der 56-Jährige kaum noch erinnern. »Drei Wochen war ich quasi im Koma und die vierte Woche war für mich die größte Qual«, erzählt er.

Das Mobilisieren an der Bettkante sei extrem antrengend gewesen. »Da stehen drei Pfleger neben einem, die einen aufrichten, und man ist permanent kurzatmig, obwohl man gar nichts selbst macht. Ich war immer froh, wenn ich mich zurück ins Bett legen konnte.«

Seit Anfang Februar ist Brummel in der Reha, mit dem Mann auf den Fotos hat er nicht mehr viel zu tun. »Mir geht es den Umständen entsprechend relativ gut«, erzählt er.

Durch die lange Liegezeit hat der 56-jährige jedoch 15 Kilogramm Muskelmasse verloren. Anfangs konnte er nicht mehr laufen, mittlerweile geht es wieder, auch ohne Rollator. Trotzdem ist noch unklar, wie lange er in der Reha bleiben muss. »Bis ich wieder einigermaßen einsatzfähig bin, kann es Monate dauern«, sagt er.

Die Covid-Intensivstation wurde in einem eigenen Bereich des Krankenhauses eingerichtet, abseits der normalen Intensivstation. Es mangelt an Platz. »Wir können uns fast nicht drehen«, erzählt die Intensiv-Pflegerin Franziska Strasser. »Überall bleibt man hängen, stößt an, zwischen zwei Patientenplätzen ist ein riesiger Pfosten, an dem man sich permanent blaue Flecken holt, weil man nie ungehindert daran vorbeikommt.«

Hinzu komme eine enorme Geräuschkulisse, eine Anstrengung, auch für die Patienten. »Man kann sich vorstellen, dass sie tagsüber eigentlich nie zur Ruhe kommen«, sagt Strasser. »Aber es ist einfach so. Wir können es nicht ändern.«

Neben der Dokumentation dieser Ausnahmesituation erfüllen die Bilder für Strasser noch einen anderen wichtigen Zweck. »Sie sollen auch Trost spenden für die Angehörigen, die jemanden bei uns verloren haben«, sagt sie. »Sie sollen sehen, dass wir gut auf ihre Liebsten aufgepasst haben. Wir waren da. Wir sind zwar nicht die Angehörigen, aber wir sind Pflegekräfte, denen die Patienten wichtig sind.«

»Das Schicksal dieses Patienten ist uns allen sehr nahe gegangen«, sagt Strasser beim Blick auf das Foto. Um Nähe zu Angehörigen herzustellen, hängen die Pflegekräfte persönliche Bilder neben die Betten. »Sie haben uns immer wieder ins Bewusstsein gerufen, dass das auf dem Bild eigentlich der Patient ist und nicht der, der jetzt im Bett liegt und von Covid zerstört ist«, sagt Strasser. »Das Team hat so gekämpft um diesen Patienten, wochenlang, monatelang. Wir haben den Kampf leider verloren.«

Daneben gibt es jedoch auch glückliche Momente. Was auf diesem Bild nicht direkt zu erkennen ist: In dem Becher befindet sich Bier.

Eine Kollegin habe den Patienten gefragt, ob sie noch irgendetwas Gutes für ihn tun könne, erzählt Strasser. Daraufhin habe er geantwortet: »Ich hätte so gerne ein Bier. Wir haben uns dann angeguckt und echt ein bisschen lachen müssen«, sagt Strasser.

Da der Arzt jedoch keine Einwände hatte, habe sich eine Studentin in der Uniklinik auf die Suche nach einem Bier gemacht. »Es hat ihm geschmeckt und er war total happy«, so Strasser. »Das war echt ein Highlight.«

Neben Pflegekräften kümmern sich auch Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten um die schwer Erkrankten. »Die Ergotherapeutin bewegt jedes Gelenk durch, lässt Musik laufen, spricht viel mit den Patienten«, erzählt Strasser. »Die Zeit, die uns Intensivkräften oft fehlt, kann sie gut füllen.«

In seinem normalen Beruf fotografiert Wuntke Kinder und Hochzeiten. In diesem Fall war seine Herausforderung eine ganz andere: Zu entscheiden, welche Aufnahmen überhaupt in einem offenen Bereich aufgehängt werden können.

»Es sind teilweise auch Bilder dabei, die noch intensivere Sachen zeigen«, erzählt er. Wichtig war ihm, die Arbeit so zu dokumentieren, wie sie immer stattfindet. »Nachdem ich länger dort war, bin ich quasi im Team untergegangen und habe aus dem Hintergrund fotografiert.«

Ausgestellt werden die Aufnahmen in der Uniklinik Tübingen.

Die Patientinnen und Patienten auf den Bildern sind nur wenige von sehr, sehr vielen. Seit Beginn der Coronapandemie wurden in Deutschland allein laut Divi Intensivregister rund 76.000 Covid-19-Erkrankte auf einer Intensivstation behandelt. Mehr als 21.000 von ihnen sind gestorben. Auch in diesem Augenblick kämpfen rund 2800 Menschen mit Covid-19 auf einer Intensivstation in Deutschland um ihr Leben.

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