Trotz massenhaft Impfungen bahnt sich in den USA eine vierte Corona-Welle an. Droht Deutschland ein ähnliches Szenario?

Die USA machen es vor. In dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird geimpft wie verrückt. Die Impfkampagne schreitet in Rekordgeschwindigkeit voran. Die Amerikaner zeigen, wie es laufen könnte – schnell und erstaunlich unbürokratisch. Jeden Tag werden mehr als drei Millionen US-Amerikaner geimpft. Zahlen, von denen andere Länder nur träumen können. So muckelt in Deutschland der Impffortschritt weiterhin gemächlich vor sich hin.

Eines aber hat Deutschland mit den USA gemein, die Infektionszahlen steigen wieder. Mehr noch: Während man sich hierzulande auf die dritte Pandemiewelle vorbereitet, ahnen Experten in den USA, dass dort die vierte Welle droht. Und das obwohl schon mehr als 95 Millionen US-Bürger mindestens eine Impfdosis intus haben, etwa jeder Sechste bereits den vollen Impfschutz erhalten hat. Kann sich Deutschland schon jetzt darauf vorbereiten, dass nach Welle drei unweigerlich Welle vier kommt?

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USA vor vierter Welle

Zuletzt machte sich in den USA Euphorie breit, ganz so, als sei die Pandemie bereits Vergangenheit. Seit Beginn des Jahres sanken dort die Infektionszahlen, die Kurve flachte ab. Viele Bundesstaaten hoben zuletzt die Corona-Beschränkungen auf, pfiffen gar auf die Maskenpflicht. Und das obwohl sowohl Biden als auch die Gesundheitsexperten trotz der Impferfolge nicht müde wurden, zu betonen, dass der Kampf gegen das Virus noch längst nicht ausgestanden sei. Die neuen Zahlen bestätigen die mahnenden Worte. Am Montag meldete die John-Hopkins-Universität 68.000 Neuinfektionen. Das sind mehr als 30 Prozent zur Vorwoche. Und der Sieben-Tage-Vergleich des Centers for Disease Control (CDC) zeigt: auch die Zahl der Todesfälle nimmt wieder zu, mehr als 550.000 Menschen sind insgesamt bereits gestorben. Experten befürchten, dass es noch viel mehr werden könnten.

Am Montag meldete sich Rochelle Walensky, die Chefin der Gesundheitsbehörde CDC, zu Wort. "Im Moment habe ich Angst", sagte sie und warnte vor einer vierten Welle, einem "bevorstehenden Untergang". Und auch der US-Präsident betonte: "Der Krieg gegen Covid-19 ist noch lange nicht gewonnen". Man befinde sich in einem Wettlauf um Leben und Tod. Es ist auch ein Wettlauf zwischen dem Vorankommen der Impfkampagne und der anrollenden vierten Pandemiewelle. Die Krankenhäuser füllen sich erneut, diesmal vor allem mit jüngeren Amerikanern, die nicht geimpft sind. Viele haben sich demnach mit der britischen Mutation B.1.1.7 infiziert. 

Wettlauf gegen die Mutanten

In Deutschland ist die Lage nicht besser, hier macht die Mutation bereits etwa 70 Prozent aller Neuinfektionen aus. Dass die Mutationen im Pandemiegeschehen eine entscheidende Rolle einnehmen werden, davor warnen Experten schon seit Monaten. Im Interview mit dem "Spiegel" hatte Virologin Melanie Brinkmann bereits Anfang Februar gesagt, dass in Deutschland niemals genügend Menschen geimpft werden könnten, bevor die Mutanten durchschlagen. "Die Mutante aus Großbritannien und andere werden uns überrennen, das Virus hat einen Raketenantrieb bekommen. Es geht nur noch darum: Können wir den Siegeszug der Varianten hinauszögern, Zeit gewinnen?"

Schon damals sagte sie, dass sich die dritte Welle bereits warmlaufe, warnte vor einem erneuten exponentiellem Wachstum und forderte vehement konsequente Eindämmungsmaßnahmen. "Das Impfen wird uns erst aus der Pandemie befreien, wenn sie weltweit abflaut", sagte sie. Inzwischen ist die dritte Welle, das exponentielle Wachstum da. Und das Robert-Koch-Institut zeichnete zuletzt eine düstere Prognose. 100.000 Neuinfektionen täglich seien möglich, wenn Deutschlands Corona-Strategie weiterlaufe wie gehabt.

Von der Pandemie zur Endemie

Während in anderen Ländern schon fast wieder Vor-Corona-Zustände herrschen, zeigt in Deutschland die Kurve wieder nach oben. Dabei gibt es Länder, die weitgehend coronafrei sind. Etliche Inselstaaten, Australien, Neuseeland. Das liegt auch an der geografischen Lage, daran, dass dort beispielsweise Einreisen bestmöglich kontrolliert werden können. Aber auch daran, dass beispielsweise in Australien auch schon kleine Ausbrücke radikal bekämpft werden. So hatte man beispielsweise im Bundesstaat Victoria wegen 22 Infektionsfällen eine Quarantäne für die gesamte Region verhängt, um eine weiteren Verbreitung direkt im Keim zu ersticken. Eine Vorgehensweise, die sich auszahlte. In Deutschland wählte man einen anderen Weg und setzte auf softere Lockdown-Varianten und vor allem auf die Impfungen als Heilsbringer.

Dass die Impfungen allein weitere Pandemiewellen zeitnah nicht aufhalten werden, ist keine Überraschung. Bis die Impfungen Wirkung zeigen, ist es ein weiter Weg. Das große Ziel: Herdenimmunität. Denn dass Sars-Cov-2 ausgerottet werden kann, ist unwahrscheinlich. Viel mehr ist es realistisch, dass das Virus wie andere Corona-Viren ein dauerhafter Begleiter wird und wie diese in Zukunft endemisch zirkulieren wird. Heißt: Es sind immer neue Wellen zu erwarten, ähnlich der Grippewelle. Umso mehr Menschen immun sind, durch Impfung oder durchgemachte Erkrankung, desto weniger Angriffsfläche hat das Virus, die Infektionsketten brechen schnell ab. Bis eine Pandemie zur Endemie wird, das kann allerdings dauern – manchmal Jahrzehnte.

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Herdenimmunität, oder nicht?

Bezüglich Sars-Cov-2 gingen Experten lange davon aus, dass ein Herdenschutz einsetzen würde, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun gegen das Virus ist. Im Februar sorgten Meldungen aus dem brasilianischen Manaus für Aufsehen. Dort glaubten Forscher die Schwelle der Herdenimmunität bereits als überschritten, man ging davon aus, dass sich bereits mehr als 70 Prozent der Bevölkerung im Oktober mit Covid-19 infiziert hatten, Monate später folgte eine weitere große Infektionswelle. Als wesentlichen Treiber sahen die Experten die Mutanten. Die Zahlen bezüglich der Herdenimmunität wurden nach oben geschraubt. Inzwischen schätzt das RKI, dass 80 Prozent der Deutschen immun sein müssten, damit diese erreicht wird. 

Um den steigenden Infektionszahlen entgegenzuwirken, soll die US-Impfkampagne nun noch einmal einen Boost bekommen. Die Infrastruktur wird ausgebaut. Bis zum 19. April alle US-Amerikaner impfberechtigt sein sollen, in einigen Staaten wurde die Impfpriorisierung bereits aufgehoben. Dennoch wird es in den USA  mindestens noch Wochen dauern, bis die notwendige Quote erreicht ist. Und in Deutschland scheint dieses Ziel derzeit ohnehin in weite Ferne gerückt zu sein. Insgesamt haben laut Robert-Koch-Institut hierzulande überhaupt erst 11,1 Prozent der Deutschen eine Dosis erhalten, gerade einmal vier Millionen sind vollständig geimpft, also 4,8 Prozent.

Eine Idee davon, wie viel Geduld Deutschland noch aufbringen muss, gibt der Online-Rechner "pandemieende". Dieser berücksichtigt Impffortschritt sowie die Zahl der Genesenen für seine Berechnungen, setzt die Immunität aber noch bei 70 Prozent an. Und trotzdem: Geht es weiter so schleppend voran wie bisher, erreichen wir diese Immunität erst Ende Februar 2022. Allerdings, das betonen Experten wie Virologe Christian Drosten, werden auch schon zuvor Corona-Maßnahmen gepaart mit zunehmender Immunität dazu beitragen, dass sich ein Effekt einstellt. Im Corona-Podcast sagte er, dass es bereits Ende des zweiten Quartals in Deutschland etwas wie eine "effiziente Bevölkerungsimmunität" geben könnte. 

Ist uns die USA also nur eine Welle voraus? Das ist wahrscheinlich. Schon Ende Januar sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in München, dass wir uns an den Gedanken gewöhnen sollten, "dass es vielleicht auch eine vierte und fünfte Welle geben kann". Die Kunst werde darin liegen, dass man von diesen Wellen nicht ganz so viel mitbekommt und sie flach gehalten werden. "Und das funktioniert, wenn wir uns eher früher als später konsequent dazu entschließen, Einschränkungen zu akzeptieren". Und: "Wir müssen quasi im Akkord impfen". Aus dem Akkord ist nichts geworden, die nächste Welle ist schon da.

Quellen: Zeit, RND, RKI, dpa

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