Reisetherapie: Psychologin verrät, wie Urlaub uns weiterbringen kann

Seit Wochen beobachten wir einen regelrechten Ansturm auf Flughäfen und Reiseziele. Frau Horvatits-Ebner, warum hat Reisen so einen hohen Wert für uns?

Deutschland ist ein Reiseland, genauso wie Österreich. Das liegt einerseits ganz einfach daran, dass wir trotz Krisen einen recht ausgeprägten Wohlstand in den Ländern haben. Man kann also sagen, wir Reisen, weil wir es können. Zusätzlich liegt uns Reisen heutzutage fast im Blut. Schon nach dem ersten Weltkrieg fing die Faszination für andere Länder an, viele sind ausgewandert. Reisen wurde also von Generation zu Generation als Leidenschaft weitergegeben.

Das klingt erstmal nach einer sehr komfortablen Ausgangslage. Aktuell beobachten wir aber, dass sich immer weniger Menschen den Sommerurlaub leisten können, Stichwort Inflation. Was macht es mit uns, wenn wir Fernweh haben, es aber nicht stillen können?

Das ist eine Frage, die uns sicher in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen wird. Analysen zeigen, dass derzeit 80 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Jahr eine Reise machen. Während der Hochphase der Coronavirus-Pandemie haben wir aber nach langer Zeit das erste Mal gemerkt, dass Reisen nicht so selbstverständlich ist, wie wir lange dachten.

Wie wir schließlich mit dem Reiseentzug umgehen, hängt stark mit unserer Persönlichkeitsstruktur zusammen. Wenn ich eher jemand bin, der wenn überhaupt mal einen Pauschalurlaub bucht, dann werde ich mich auch ohne Reisen wahrscheinlich über Wasser halten. Bin ich allerdings jemand, der sehr viel unterwegs ist und immer das nächste Abenteuer sucht, dann ist das Risiko für einen Lagerkoller schon größer.

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Und was kann ich als Reisejunkie tun, um den Lagerkoller zu vermeiden?

Das, was uns Reisen geben kann, können wir nur bis zu einem gewissen Grad mit anderen Aktivitäten kompensieren. In Österreich gab es zum Beispiel während des Lockdowns sehr viele Menschen, die plötzlich zu den Bergen geströmt sind. Die haben ihr Abenteuer dann eben im Bergsteigen gesucht. Und das war auch eine gute Idee. Ausflüge in der Natur sind eine gute Möglichkeit, die Reiselust im Zaum zu halten.

Was Reisetherapie wirklich leisten kann

In der recht jungen Disziplin Reisetherapie geht es darum, den Urlaub mit einem therapeutischen Ansatz zu verknüpfen. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Reisen ist kein Allheilmittel, aber es kann durchaus therapeutisch wirken. Es stärkt zum Beispiel unseren Selbstwert enorm. Dadurch können wir vielen psychischen Erkrankungen vorbeugen, bei denen es oftmals darum geht, dass wir uns selbst abwerten. Außerdem kommen wir unterwegs gut mit uns selbst in Kontakt und lernen unsere Grenzen und Bedürfnisse besser kennen. Oft kommen auch verdrängte Problembereiche hoch.

Natürlich ist Reisen auch eine gute Ablenkung und kann uns dabei helfen, unser Gedankenkreisen zu unterbinden. Reisen schafft oft auf eine natürliche Art und Weise, was wir Therapeuten mit Mühe einrichten: Einen Ort zum Wohlfühlen und Fallenlassen.

Apropos Problembereiche: Es gibt diese These, nach der sich Paare auffällig häufig nach gemeinsamen Reisen trennen …

Ich denke, das kommt vor allem bei den Paaren vor, die nicht so häufig gemeinsam verreisen. Wir wissen aus der Forschung, dass eine glückliche Partnerschaft vor allem auf gemeinsamen Interessen aufbaut. Wenn Paare also regelmäßig gemeinsam reisen, dann schweißt sie das tendenziell eher zusammen. Aber: Wenn es vorher schon Probleme in der Beziehung gab, dann kann es gut sein, dass diese sich im Urlaub nochmal verschärfen. Dann liegt es aber nicht am Reisen, sondern an der Partnerschaft selbst.

Sie haben gesagt, Reisen steigert unseren Selbstwert. Wie können wir uns das genau vorstellen?

Wenn wir unterwegs sind, werden wir in der Regel früher oder später mit großen und kleinen Herausforderungen konfrontiert. Indem wir diese Situationen regeln und die Probleme lösen, stärken wir automatisch unser Selbstwertgefühl. Es ist doch so: Wir wachsen an Problemen und nicht dann, wenn ohnehin alles glatt geht. Durch diese Erfolgserlebnisse entwickeln wir uns also weiter. Und die sind natürlich am größten, wenn wir die in einer uns gänzlich unbekannten Umgebung erleben.

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Ein Hotelurlaub am Pool klingt jetzt ehrlich gesagt erstmal nicht nach großer Herausforderung. Ist also Individualurlaub das Mittel der Wahl für die Persönlichkeitsentwicklung?

Auch hier kann ich klar sagen: Kommt drauf an. Wir wissen aus Erinnerungsstudien, dass ein Abenteuerurlaub gefühlt wie im Flug vergeht. Er bleibt uns aber deutlich länger und intensiver in Erinnerung als ein reiner Strandurlaub, der uns wie eine halbe Ewigkeit vorkommen kann. Das heißt, eine aktive Reise prägt uns deutlich mehr. Trotzdem hat natürlich auch der Entspannungsurlaub seine Berechtigung.

Was Reisen mit unserer Persönlichkeit zutun hat

Brauchen wir Reisen zur persönlichen Weiterentwicklung oder gibt es andere Wege, um diesen Effekt zu erzielen?

Das kommt natürlich stark auf die Persönlichkeitsstruktur an. Wenn ich sehr neugierig bin und eher zur Gruppe der Sensation-Seeker gehöre, dann brauche ich Reisen tatsächlich zum Leben. Diese Menschen sind immer auf der Suche nach einem neuen Abenteuer und erleben deshalb erst unterwegs so richtige Freiheit und Freudenmomente. Zuhause werden sie auf Dauer eher unglücklich. Anders ist das bei den Leuten, die eher Gewohnheitstiere sind. Für die kann ein Besuch im Kaffeehaus um die Ecke oder ein Ausflug zum See schon den Kick auslösen, den Sensation-Seeker nur auf Reisen bekommen.

Aber ist wirklich jeder, der viel reist auch gleich ein Sensation-Seeker – oder hat das nicht auch etwas mit dem gesellschaftlichen Druck zu tun?

Reisen ist definitiv auch zum Statussymbol geworden. Vor allem unter jungen Menschen gehören Auslandsjahre und Abenteuerreisen zum guten Ton. Das liegt auch an den vielen spektakulären Reisebildern auf Instagram. Wenn die jungen Leute sehen, was ihre Kommilitonen erleben, dann wollen sie natürlich nachziehen – das kann auch Druck machen.

Aber selbst, wenn das für den ein oder anderen Urlauber der Grund ist, auf Reisen zu gehen, wird der schnell merken, ob es etwas für ihn ist. Wer Reisen nicht mag, wird es auf Dauer auch nicht für ein gutes Image tun.

Reisen mit psychischer Erkrankung: Darauf müssen Sie achten!

Was raten Sie Patienten, die an einer psychischen Erkrankung leiden aber trotzdem den Sommerurlaub nicht absagen wollen?

Ich würde meinem Klienten raten, die Reise nur anzutreten, wenn er sich selbst dazu bereit fühlt. Dann ist es außerdem wichtig, entweder in Begleitung zu reisen oder einen Notfallkontakt zu haben, den man immer erreichen kann. Die wichtigste Frage in diesem Fall ist: Was erwarte ich mir von der Reise? Zu hohe Erwartungen können uns schnell frustrieren. Das gilt auch für Menschen ohne psychische Erkrankung.

Wenn ich mit dem Anspruch in den Urlaub fahre, dass jeden Tag die Sonne scheint und alle beste Laune haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Enttäuschung recht groß. Besser ist es, mit einer offenen Haltung an die Reise heranzutreten und das Beste aus der Situation zu machen, die wir vor Ort erleben. Auch im Urlaub haben negative Gefühle ihren Platz.

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Wie weit und wie lange muss ich eigentlich wegfahren, um mich wirklich vom Alltag zu erholen?

Wohin wir reisen ist tatsächlich erstmal zweitrangig. Klar ist aber auch: Je weiter wir von zuhause entfernt sind, desto weiter ist auch der gedankliche Alltagsstress weg. Wer Erholung sucht, der findet die meist dort, wo möglichst wenige andere Menschen unterwegs sind – und das schon nach zwei Tagen. Richtige Entspannung, also dass der Körper wirklich mal runterfährt, erreichen wir hingegen erst nach 14 Tagen.

Sie sind selbst ständig auf Reisen und nehmen Ihre Leser und Klienten auf Ihrem Reiseblog "Reisepsycho" mit auf Ihre Abenteuer. Was haben Sie unterwegs über sich lernen dürfen?

Ich war früher immer perfektionistisch und habe jeden einzelnen Schritt durchgeplant. Das bringt nur auf Reisen nichts, weil ständig etwas Unerwartetes passiert. Deshalb bin ich deutlich entspannter geworden. Vor allem auf Reisen, die ich allein gemacht habe, konnte ich außerdem meine Grenzen immer mehr austesten. Dadurch weiß ich mittlerweile sehr gut, wann eine Grenze erreicht ist – und wann es sich lohnt, einen Schritt über diese Grenze hinaus zu gehen.

Quelle: Psychologin Barbara Horvatits-Ebner von Reisepsycho.com

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