Hänel an Lauterbach: Warum sollen wir uns noch einsetzen?

Im Herbst und Winter sollen die Apotheker:innen wieder zur Nadel greifen und die nationale Impfkampagne gegen COVID-19 unterstützen. In einem Brief an Bundesgesundheitsminister Lauterbach fragt Apothekerin Daniela Hänel, weshalb der Berufsstand sich weiterhin in gewohnter Weise einsetzen sollte, wenn er zum Dank nun mit einer Honorarkürzung rechnen darf. Kritisch sieht sie auch den Plan, rund 1.000 Gesundheitskioske schaffen zu wollen.

In der Krise haben die Apothekenteams alles gegeben. Wann immer die Politik sie um Hilfe bat, waren sie zur Stelle, oftmals unter hohem persönlichem Einsatz. Dass es für die Extra-Leistung auch ein Honorar gab, fiel ihnen dann jedoch alsbald auf die Füße: Mit dem geplanten GKV-Finanzstabilisierungsgesetz holt sich Bundesgesundheitsminister Lauterbach (SPD) einen Teil dessen zurück, was die Offizinen im Zuge der COVID-19-Pandemie erwirtschaftet haben. Für zwei Jahre soll der Kassenabschlag von derzeit 1,77 Euro auf 2 Euro steigen – pro Apotheke bedeutet das Mindereinnahmen von rund 6.500 Euro pro Jahr, wie DAZ-Wirtschaftsexperte Thomas Müller-Bohn vorrechnet.

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Im Herbst und Winter sind die Apotheken wieder gefragt: Bundesweit sollen die Pharmazeutinnen und Pharmazeuten dann wieder zur Nadel greifen und bei der nationalen Impfkampagne mit anpacken. Erst kürzlich verlängerte der Gesetzgeber deren COVID-19-Impfbefugnis bis Ostern 2023. Zudem ist politisch gewollt, dass sie ab Oktober in ganz Deutschland auch Menschen gegen Grippe immunisieren, unabhängig von Modellprojekten. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob Deutscher Apothekerverband (DAV) und GKV-Spitzenverband sich zeitnah auf eine Vergütung einigen können oder sie nun rasch die Schiedsstelle anrufen, die dann über die Bezahlung der Apotheken für diese Leistung entscheiden muss.

Vor dem Hintergrund des Spargesetzes fragt jetzt allerdings Apothekerin Daniela Hänel, erste Vorsitzende der Freien Apothekerschaft, weshalb der Berufsstand wieder einmal über solch ein Stöckchen springen sollte. In einem Brief an Lauterbach beklagt sie mangelnde Wertschätzung. „Wie soll man sich und sein Team denn motivieren, wenn aufgrund Ihres geplanten Spargesetzes die Leistungserbringer zusätzlich weiter geschröpft werden?“, schreibt Hänel. „Warum sollen wir uns überhaupt noch dafür einsetzen? Was haben wir davon, in Krisenzeiten unser Bestes zu geben, der Politik zu helfen, dem Land zu dienen, das Gesundheitswesen am Laufen zu halten, den Bürgern des Landes Halt und Hilfe zu geben, wenn man im Anschluss für die Mehrarbeit, Überstunden, zusätzliche Bürokratie, trotzdem Vorhaltungen bekommt, man hätte zu viel Umsatz gemacht, um dann finanziell abgestraft zu werden?“

Hänel: Leistungserbringer sind „Menschen mit Recht auf Lebensqualität“

Sowohl selbständige Apotheker:innen als auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte inklusive ihrer Teams seien „Menschen mit Recht auf Lebensqualität, ohne Ausbeutung für die geleistete Arbeit und ohne Ausbeutung für die Bevölkerung“. Gleichzeitig ignoriere der Minister, dass es aktuell noch immer rund 18.000 Offizinen hierzulande gibt – so interpretiert Hänel das Vorhaben Lauterbachs, 1.000 sogenannte Gesundheitskioske schaffen zu wollen, die niedrigschwellig gesundheitliche Beratung anbieten sollen. „Wer soll denn das finanzieren, wo wir jetzt schon so ein großes Defizit bei den gesetzlichen Krankenkassen haben? Woher wollen Sie die Fachkräfte nehmen? Warum nutzen Sie nicht einfach die vorhandenen Strukturen und fördern diese?“

Dabei haben die Leistungserbringer laut Hänel bereits Verbesserungsvorschläge erarbeitet, die zu Entlastungen führen und gleichzeitig ein effektiveres Arbeiten ermöglichen würden. „Wann endlich fangen Sie an, den gesamten Leistungserbringern zuzuhören und schaffen Anreize, damit das Gesundheitswesen in der aktuellen Form nicht gegen die Wand gefahren wird?“

Zeit für persönlichen Austausch

Die Freie Apothekerschaft sei gesprächsbereit, um dem Minister „Verbesserungen in der flächendeckenden Arzneimittelversorgung zu erläutern, Probleme zu erkennen und zu lösen. Jetzt liegt es an Ihnen, ob Sie wirklich Interesse an den Leistungserbringern im Gesundheitswesen haben, um eine gute Versorgung der Bevölkerung Deutschlands in allen Gesundheitsbereichen zu gewährleisten.“ Dafür, so Hänel, sollte Lauterbach sich die nötige Zeit zum persönlichen Austausch nehmen. 

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