Arbeitsunterbrechungen verstärken Ausschüttung von Stresshormonen – Heilpraxis

Arbeitsunterbrechungen führen zu Stress

Stetig wachsender Druck im Job führt bei vielen Menschen dazu, dass sie häufig gestresst sind. Und Stress gefährdet die Gesundheit, wie zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen konnten. Doch nicht nur die Arbeit sorgt führt Stress, sondern auch Arbeitsunterbrechungen. Das berichten nun Forschende aus der Schweiz.

Mehr Arbeit, neue Aufgaben, Umstrukturierungen, digitaler Wandel, Druck von Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen – die Arbeitswelt steckt voller Stressfaktoren, die sich auch auf die Gesundheit auswirken können. Doch nicht nur die Arbeit selbst stresst Arbeitnehmende. Der Körper schüttet auch verstärkt Stresshormone aus, wenn die Arbeit immer wieder unterbrochen wird.

Stressfaktoren am Arbeitsplatz

Ein großer Teil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erlebt arbeitsbedingten Stress. Wenn sich dieser Stress chronifiziert, kann er zu Erschöpfungszuständen führen, die sich nachteilig auf die öffentliche Gesundheit auswirken und große wirtschaftliche Folgekosten verursachen. Um diesen Erschöpfungszuständen zuvorkommen zu können, arbeitet am Mobiliar Lab für Analytik der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ein interdisziplinäres Team an einem digitalen Frühwarnsystem, das im Büroalltag mithilfe von Methoden des maschinellen Lernens in Echtzeit Stress erkennen soll.

„Dazu wollten wir in einer ersten Etappe herausfinden, wie sich die Auswirkungen von sozialem Druck und Arbeitsunterbrechungen – zwei der häufigsten Stressfaktoren am Arbeitsplatz – messen lassen“, erklärt die Psychologin Jasmine Kerr in einer aktuellen Mitteilung. Die Wissenschaftlerin treibt das Projekt gemeinsam mit der Mathematikerin Mara Nägelin und dem Computerwissenschaftler Raphael Weibel voran.

Nun berichten die Forschenden in der Fachzeitschrift „Psychoneuroendocrinology“ über ihre soeben abgeschlossene Studie. Über eine universitäre Plattform haben sie 90 Teilnehmende rekrutiert, die sich bereit erklärt haben, an einem knapp zweistündigen Experiment teilzunehmen. Für den Versuch haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Decision Science Laboratory der ETH Zürich in drei Großraumbüros verwandelt. An jedem Arbeitsplatz stand ein Stuhl, ein Computer mit Bildschirm – sowie das Zubehör für die Entnahme von Speichelproben.

Denn während die Teilnehmenden – als Angestellte einer imaginären Versicherung – typische Büroarbeiten verrichteten, also etwa handschriftlich ausgefüllte Formulare abtippten oder Termine von Versicherungsberatenden mit ihren Kundinnen und Kunden vereinbarten, interessierten sich die Forschenden für ihre psychobiologischen Reaktionen.

An insgesamt sechs Zeitpunkten gaben die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer auf Fragebögen an, wie gut oder schlecht gelaunt sie gerade waren, ein mobiles EKG-Gerät maß durchgehend ihren Herzschlag. Und im Speichel bestimmten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Konzentration des Stresshormons Kortisol.

Unterschiedlichem Stress ausgesetzt

Für ihr Experiment teilte das Forschungsteam die Teilnehmenden in drei Gruppen ein, die unterschiedlichem Stress ausgesetzt waren. Alle Gruppen hatten die gleiche Arbeit zu verrichten. In der Mitte des Versuchs bekamen alle Teilnehmenden Besuch: Zwei Schauspieler traten als Mitarbeitende der Personalabteilung der Versicherung auf. Während sie die Teilnehmenden in der Kontrollgruppe einen Verkaufsdialog vorlesen ließen, gaben die Schauspieler in den beiden Stressgruppen vor, unter den Teilnehmenden die geeignetsten Kandidaten für eine Beförderung zu suchen.

Den Angaben zufolge unterschieden sich die beiden Stressgruppen dadurch, dass die Teilnehmenden in der ersten Stressgruppe ihre Arbeiten nur jeweils für die Speichelentnahmen auf die Seite legten. Doch die Teilnehmenden der zweiten Stressgruppe mussten zusätzliche Arbeitsunterbrechungen in Kauf nehmen, wenn sie Chatnachrichten ihrer Vorgesetzten erhielten, in denen diese dringende Auskünfte verlangten.

Deutlich mehr Kortisol ausgeschüttet

Es zeigte sich, dass auch eine Konkurrenzsituation um eine frei erfundene Beförderung ausreicht, um den Herzschlag in die Höhe zu treiben und das Stresshormon Kortisol freizusetzen. „Die Teilnehmenden der zweiten Stressgruppe schütteten aber fast doppelt so viel Kortisol aus wie diejenigen der ersten Gruppe“, erläutert Mara Nägelin.

„Bisher wurden Arbeitsunterbrechungen meist nur hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Arbeitsleistung und Produktivität erforscht. Mit unserer Studie zeigen wir erstmals, dass sie sich auch auf die Menge des freigesetzten Kortisols – und also tatsächlich auch auf die biologische Stressreaktion – auswirken“, ergänzt Raphael Weibel.

Überrascht war das Team von dem subjektiv wahrgenommenen, also dem psychologischen Stress. Die Forschenden stellten fest, dass sich die Teilnehmenden der zweiten Stressgruppe mit Chat-Unterbrechungen als ruhiger und besser gelaunt einschätzten als diejenigen der ersten Stressgruppe ohne Chat-Unterbrechungen. Interessanterweise bewerteten sie die Situation zwar als gleich herausfordernd, jedoch weniger bedrohlich als die erste Stressgruppe.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten dabei, dass die zusätzlichen Arbeitsunterbrechungen über die Kortisolfreisetzung mehr körperliche Ressourcen mobilisierten und dass dadurch die emotionale und kognitive Stressbewältigung unterstützt wurde. Möglich ist auch, dass die Arbeitsunterbrechungen die Teilnehmenden von der bevorstehenden sozialen Stresssituation ablenkten, wodurch sie weniger Bedrohung und folglich weniger Stress empfanden. (ad)

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