Wonderwoman zwischen Burn-out und Altersarmut

Das neue Jahr steht vor der Tür, und der Mensch beginnt mit Selbstoptimierungs-Vorsätzen: mehr Sport, weniger Süßes. Weil aber spätestens im Februar der Geist abschweift und die Körpermitte erstarkt, stecken wir unsere Energie doch lieber in einen originelleren Vorsatz: gerechte Arbeitsteilung zu Hause.

Es ist über 15 Jahre her, dass eine Frau in einer Werbung sagte: „Ich führe ein sehr erfolgreiches, kleines Familienunternehmen!“ – und man sah sie bügeln, putzen, kochen und die Kinder trösten. Dieser Spot fühlte sich damals nach Wertschätzung an, heute lächeln Mütter dabei nur müde, denn über 70 Prozent der Frauen in Deutschland sind erwerbstätig, Tendenz steigend. Die in der Werbung gezeigte Hausarbeit ist jedoch die gleiche und zum größten Teil bei ihnen hängengeblieben.

Die Mutter ist heute nicht nur Geschäftsführerin ihres erfolgreichen, kleinen Familienunternehmens (hier funktioniert der Aufstieg ganz ohne Quotenregelung), sondern sie geht zusätzlich ihrer anderen, bezahlten Arbeit nach – mehrheitlich in Teilzeit, was die Aufstiegschancen dort erschwert.

Während es in den Vorständen von Börsenunternehmen mehr Männer mit dem Namen Thomas oder Michael als Frauen gibt, liegt die Vermutung nahe, dass mehr Claudias und Julias als Männer darüber die Einkaufsliste für die Familie schreiben – und zwar so, dass sie mit der Regalanordnung im Supermarkt übereinstimmt (das Zeitfenster zwischen Büro und Kita beträgt kaum eine halbe Stunde).

Willkommen in der Geschäftsführung!

Diese mentale Last, die Mütter ununterbrochen in Form von Gedanken, To-Do-Listen und mehrspaltigen Kalendern mit sich herumtragen, führt zur großen Erschöpfung einer Generation, die sich sowieso in der Rush-Hour ihres Lebens befindet.

Greifen wir auf das Bild der Familie als Unternehmen zurück, um das Problem in den Griff zu bekommen. Folgendes könnten wir im neuen Jahr tun:

Die langjährige Geschäftsführerin

  • ernennt den Partner am 1.1. zum gleichberechtigten Teilhaber, arbeitet ihn in sämtliche Unternehmensabläufe ein und lagert Teilbereiche aus (sonst verspürt sie keine Entlastung und ist ein Kontrollfreak),
  • überdenkt ihre bisherigen Ansprüche und übt das Downsizing: Eine Einschulung wird nicht zum Staatsakt erklärt, und die Erde dreht sich weiter, wenn der Weihnachtsstollen aus dem Supermarkt kommt.

Der neue Geschäftsführer

  • arbeitet selbstständig, übernimmt Verantwortung und bringt neue Ideen ein,
  • muss nicht ständig an seine Aufgaben erinnert werden und fragt nur in der Einarbeitungsphase, wo sich seine Arbeitsmaterialien befinden

Was Familien von der Autoindustrie lernen

Doch wie funktioniert diese Arbeitsteilung in der Praxis? Die dreifache Mutter Laura Fröhlich widmet sich dem Thema mentale Last in ihrem Blog und wendet zu Hause die sogenannte Shop Floor-Methode an. Das Prinzip stammt ursprünglich aus der Autoindustrie, wo die einzelnen Schritte der Produktion auf dem Boden notiert wurden. Mit Hilfe einer Sperrholzplatte hat Laura Fröhlich die Methode folgendermaßen auf ihre Familie übertragen:

  • Ein großes Brett in vier Spalten und viele Zeilen unterteilen, in der ersten Spalte werden Kategorien wie Haushalt, Finanzen, Kinder, Urlaub, Geburtstage, etc. aufgelistet.
  • Die zweite, dritte und vierte Spalte tragen die Überschriften „To do“, „In Bearbeitung“ und „Erledigt“.
  • Alle notwendigen Aufgaben werden auf Post-its geschrieben und den Kategorien zugeordnet, anschließend unter den Familienmitgliedern verteilt und entsprechend farbig markiert.
  • Jeder verschiebt seine Zettel, bis sie am Ende (hoffentlich) unter „Erledigt“ stehen.

Auch das Ehepaar Heidi und Christian Eineder hat sich Gedanken gemacht, wie man die inneren Checklisten der Mutter sichtbar macht und so die Arbeit gerechter verteilt. Ihre Firma Easyfam entwickelte ein Organisationstool bestehend aus:

  • einem Taskboard, auf dem mit Magneten die sich wiederholenden Wochenaufgaben angebracht sind und
  • je einer Bambusfigur pro Familienmitglied, an dem erledigte Wochenaufgaben befestigt werden, die aber auch an Tagesaufgaben wie „Ranzen packen“ oder „Haustier füttern“ erinnert.

Beide Systeme erfordern ein längst überfälliges Kick-off-Meeting, bei dem allen Familienmitgliedern klar wird, welche Arbeiten täglich und wöchentlich nötig sind.



Wonder Woman in der Neubausiedlung

Aber nicht nur Aufgaben müssen umverteilt, sondern auch Ansprüche heruntergeschraubt werden. Selbst Wonder Woman würde es nicht schaffen, einen Haushalt so zu führen wie eine Frau in den fünfziger Jahren – und parallel zu arbeiten. Wie kommen wir darauf, dass man einem Beruf nachgehen und gleichzeitig jeden Tag frisch einkaufen und kochen, den Kindern im blitzblanken Haus bei den Schularbeiten helfen und der Cousine zweiten Grades einen Schal aus selbstgefilzter Wolle stricken kann?

Es sind die Altlasten unserer Sozialisation, die uns auf solche irren Gedanken bringen. Gerade die Generation Golf ist geprägt von der Idealvorstellung einer Mutti, die nicht arbeiten „muss“, sondern das Eigenheim in der Neubausiedlung herrichtet, während Vati genug Geld nach Hause bringt. Wenn heute beide Elternteile arbeiten und sich für emanzipiert halten, aber diese Bilder weiterhin auf ihrer Festplatte eingebrannt sind, stürzt das System früher oder später ab:

  • Die Frau hat nie Pause, fühlt sich fremdbestimmt, denkt für alle mit und glaubt dafür verantwortlich zu sein, dass es allen gutgeht.
  • Da sie beruflich durch die Teilzeit zurücksteckt, sucht sie Bestätigung in häuslichen Bereichen, merkt aber, dass sich ihr Selbstwertgefühl durch eine selbstgeklöppelte Tischdekoration nicht erhöht. Das macht sie unzufrieden.
  • Sobald sie wegen ihrer Arbeit ein schlechtes Gewissen hat, will sie für ihre Kinder alles so perfekt wie möglich machen.
  • Der Mann fühlt sich finanziell verantwortlich, denn das Teilzeit-Gehalt der oftmals schlechter bezahlten Frau reicht gerade für Kita und Hort. Er arbeitet selten in familienfreundlichen Unternehmen und zu Hause hilft er mit, hat aber das Gefühl, es der Partnerin nie recht machen zu können.

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01.01.2020, 13:11 Uhr
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Frauen sind mehr als Hinzuverdiener

Damit sich in Deutschlands kleinen Familienunternehmen eine moderne Unternehmenskultur durchsetzen kann, werden dringend folgende Zuwendungen und wegweisenden Signale vom Staat benötigt:

  • Das Ehegattensplitting gehört abgeschafft. Es degradiert Frauen zu zweitrangigen Hinzuverdienern und treibt sie dadurch in die Altersarmut.
  • Lohndifferenzen müssen durch mehr Transparenz aufgehoben werden. Erst wenn Frauen gleichberechtigt entlohnt werden, sind Eltern frei in ihrer Entscheidung, wie sie Eltern- und Arbeitszeiten aufteilen – aktuell liegt die Lohnlücke bei 21 Prozent.
  • Rentengerechtigkeit: Frauen bekommen in Deutschland 53 % wenigerRente als Männer. Der Dank dafür, dass sie beruflich kürzertreten, um die Rentenzahler von morgen großzuziehen, lautet also: Altersarmut. Nicht nur in der Familie muss geregelt werden, wie man Rentenansprüche gerecht aufteilt, auch die Care-Arbeit muss sich positiv auf die Rente auswirken.
  • Die Kinderbetreuung in Schulen muss verlässlich sein. Viele Familien basteln sich für die Zeit ab 13 Uhr ein teures, aufwändiges und störanfälliges System zusammen, das Kinder mehr belastet als ein durchdachtes Schulkonzept mit großzügigen Räumlichkeiten und gutem Personal. Doch Deutschland gab zuletzt nur 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus und liegt damit sowohl unter dem Schnitt der OECD- als auch der EU-Länder.

Am meisten brauchen Familien vor allem eins: Zeit. Kinder dürfen keine Probleme sein, die man ununterbrochen wegorganisieren muss und Care-Arbeit ist wichtig. Wenn beide Partner in den ersten Jahren mit Kindern maximal 30 Stunden arbeiten würden – bei vollem Lohnausgleich -, könnte das Familienleben endlich gemeinsam gestaltet werden. Beide Partner hätten mehr Zeit für sich und ihre Kinder, alle wären ausgeglichener und seltener krank.

Und das Beste kommt zum Schluss: Wer in seinem kleinen Familienunternehmen die Hälfte der Macht abgibt, hat endlich Kapazitäten frei, um sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Gesellschaft die andere Hälfte der Macht zu übernehmen.

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