Schwere Geburt


Es gab Zeiten, da arbeitete Ulrike Geppert-Orthofer gern als Hebamme. Das war Mitte der Neunzigerjahre. Damals musste sie sich nur um eine Geburt zurzeit kümmern. „Eins-zu-eins-Betreuung, tolle Ärzte, ich hatte den besten Job der Welt“, erinnert sie sich. Dann wurde die Entbindungsstation des kleinen Krankenhauses in Baden-Württemberg geschlossen, in dem sie gearbeitet hatte. Geppert-Orthofer, inzwischen Präsidentin des Hebammenverbands Deutschland, fand nie wieder vergleichbare Arbeitsbedingungen. Und sie ist nicht die Einzige.

Zuletzt sorgte die Helios-Mariahilf-Klinik in Hamburg für Schlagzeilen. Die dortige Chefärztin für Geburtshilfe und mehrere Oberärzte hatten im Dezember gekündigt – der Kreißsaal musste mehrfach vorübergehend geschlossen werden, weil Personal fehlte.

Anfang Februar starb eine Frau bei der Geburt ihres Kindes. Die Kündigungen und der Todesfall hätten nichts miteinander zu tun, betonte die Klinikleitung. Es sei ausreichend Personal im Einsatz gewesen, die Versorgung von Schwangeren sei gewährleistet. „Kein Grund zur Sorge“, hieß es auf der Homepage der Klinik.

Tatsächlich verlaufen die allermeisten Geburten problemlos, Todesfälle wie in Hamburg sind sehr selten. Im Jahr 2016 kamen bundesweit 16 Frauen während der Geburt ums Leben, neuere Zahlen liegen bisher nicht vor.

Kostenfaktor Geburt

Doch die Probleme der Hamburger Klinik sind symptomatisch für eine bundesweite Entwicklung: Die Versorgung von werdenden Müttern hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, monieren Ärzte, Hebammen und Eltern.

Seit 1991 wurden 40 Prozent der Geburtsstationen in Deutschland geschlossen, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Meist waren es kleinere wie diejenige, an der Geppert-Orthofer gearbeitet hatte. In einigen Regionen führt das zu einem Geburts-Tourismus. Schwangere, die auf Sylt leben, müssen zur Geburt beispielsweise aufs Festland.

Im Video: Schwanger auf Sylt

Der Grund für die Schließungen: Geburtshilfe ist teuer, nicht jede Klinik kann sich das leisten. 60 Prozent der geburtshilflichen Abteilungen kosten mehr, als sie einbringen, hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft 2014 errechnet. Erst ab 600 bis 800 Geburten pro Jahr könne eine Klinik wirtschaftlich arbeiten, argumentieren die zuständigen Fachorganisationen.

Hinzu kommen steigende Versicherungskosten. Ein schwerwiegender Fehler während der Entbindung geschieht zwar selten, aber wenn etwas passiert, wird es meist teuer. Besonders wenn das Kind zu Schaden kommt und ein Leben lang Ausgleichszahlungen geltend machen kann. Im Schnitt werden laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in solchen Fällen rund 3,2 Millionen Euro fällig – Tendenz steigend. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Krankenhäuser und freiberufliche Hebammen sind bei Versicherern deshalb unbeliebt geworden. Die Risiken lassen sich nur schwer kalkulieren – die Summen, die Versicherungen aufrufen, sind dementsprechend explodiert. Viele Krankenhäuser und Hebammen können oder wollen sich Entbindungen dadurch schlicht nicht mehr leisten.

Das muss nicht zum unbedingt zum Problem werden, wenn benachbarte Krankenhäuser einspringen können. Das ist zuletzt jedoch zunehmend schwieriger geworden. Denn nicht nur Entbindungsstationen sind rar, sondern auch Personal. In jedem Kreißsaal sind statistisch gesehen 1,6 Planstellen für Hebammen nicht besetzt. Immer wieder müssen Entbindungsstationen wegen Personalmangel Schwangere abweisen. Wenn es ganz schlecht läuft, bringen sie ihr Kind dann allein zur Welt, wie eine betroffene Mutter gegenüber dem SPIEGEL berichtete.

Keine Meldepflicht für Behandlungsfehler

Seltene Einzelfälle oder bald Alltag? Diese Frage ist erschreckend schwierig zu beantworten. Denn: Wie schlecht es um die Versorgung werdender Mütter wirklich steht, ist schwierig zu beurteilen. Zwischenfälle während der Geburt werden nicht zentral erfasst – selbst dann nicht, wenn die Klinik nachweislich Fehler bei der Behandlung gemacht hat.

2017 hat der Medizinische Dienst des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (MDS) 278 Begutachtungsfälle im Zusammenhang mit der Geburtshilfe registriert. In 76 Fällen bestätigte ein Gutachter, dass ein Behandlungsfehler vorliegt. Das entspricht in etwa dem Niveau aus den Vorjahren. Die wahre Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, denn der MDS erfasst nur die Vorwürfe, die über die Krankenkassen erhoben werden.

Ein Großteil der tatsächlichen Behandlungsfehler wird dagegen überhaupt nicht bekannt, weil Kliniken die Vorwürfe von sich aus regeln und die Patienten gegebenenfalls entschädigen, ohne dass sie darüber Auskunft geben müssten.

„Wir fordern seit Langem eine Meldepflicht“, sagt Max Skorning vom MDS. Ein vergleichbares System gebe es in vielen Ländern, beispielsweise in Großbritannien. Dadurch würden Strukturfehler schnell und systematisch erkannt, im Zweifel werde nachgebessert. Auf diese Weise seien beispielsweise Checklisten für Operationen entstanden. „In Deutschland weiß aber nicht einmal die Fachöffentlichkeit über Fehler umfassend Bescheid“, kritisiert Skorning. „Das geht auf Kosten der Patientensicherheit, denn aus Fehlern, die man nicht kennt, kann man nicht lernen.“

In einer Umfrage unter 950 Hebammen und Ärzten gaben zwei Drittel an, „mehrfach Erfahrungen mit einem vermuteten oder tatsächlichen Geburtsschaden“ gemacht zu haben. In mehr als der Hälfte der Fälle wurde Ressourcenmangel als eine Ursache für den Zwischenfall genannt, etwa durch Überlastung und Zeitverzögerungen.

„Das überrascht mich nicht“, sagt Geppert-Orthofer. Von einer Eins-zu-eins-Betreuung sei der Großteil der Hebammen mittlerweile weit entfernt. In den allermeisten Fällen müssten sie mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen.

Laut einer Analyse des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags kümmert sich eine Hebamme in Großbritannien durchschnittlich um etwa 31 Schwangere im Jahr. Das klingt wenig – doch die Arbeit ist nicht mit der Geburt allein getan, die meiste Zeit verbringt die Hebamme mit der Vor- und Nachsorge. Das britische Tool zur Personalplanung „BR +“ empfiehlt deshalb, dass sich eine Hebamme im Schnitt um 29,5 Schwangere pro Jahr kümmern sollte. In den meisten Ländern liegt dieser Wert höher. In Frankreich versorgt eine Hebamme im Schnitt 40 Geburten pro Jahr. In Ungarn ist die Quote noch höher, bei 56 Geburten.

Und wie steht Deutschland da? Ein internationaler Vergleich ist schwierig, weil Hebammen hierzulande unterschiedlich arbeiten können. Einige sind fest angestellt in Krankenhäusern und betreuen Frauen vor allem unter der Geburt. Andere arbeiten als Selbstständige in Krankenhäusern als sogenannte Beleghebamme und kümmern sich um Frauen während der Geburt, aber auch davor und danach. Und wieder andere bieten nur Vor- und Nachsorge an. Um wie viele Schwangere sich eine Hebamme im Schnitt kümmert, ist deshalb schwer abzuschätzen.

Im Jahr 2016 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 11.077 Hebammen in geburtshilflichen Abteilungen von Krankenhäusern, wo 98 Prozent der Kinder zur Welt kommen. Neuere Zahlen liegen bisher nicht vor. In dem Jahr kamen in Deutschland 792.131 Kinder zur Welt. Im Schnitt waren das also 70 Schwangere pro Hebamme. Damit gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Spitzenreitern.

Die ständige Belastung hat Folgen: Laut einer Analyse ihres Berufsverbands arbeitet nur jede Fünfte der mehr als 1600 befragten Hebammen in Vollzeit. Neun von zehn berichteten, dass sie die vorgeschriebenen Pausenzeiten nicht einhalten könnten. „Viele Hebammen steigen nach etwa sieben Jahren im Job wieder aus“, sagt Geppert-Orthofer. Andere böten keine Geburtshilfe mehr an, sondern nur noch Vor- und Nachsorge.

Der Hebammenverband hat vor Kurzem Eckpunkte für ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz vorgestellt. Die wichtigsten Punkte lauten:

  • Ein Sonderprogramm für mehr Hebammenstellen,
  • ein verbindlicher Personalschlüssel, der für eine Hebamme in Vollzeit 30 Entbindungen pro Jahr vorsieht.,
  • Krankenhäuser sollten die Zahl der Entbindungen pro Jahr und Hebamme öffentlich machen müssen,
  • eine ambulante geburtshilfliche Notversorgung, um Entbindungsstationen zu entlasten.

Wenn ihre Amtszeit als Präsidentin des Hebammenverbands zu Ende ist, würde Geppert-Orthofer gern wieder in den Beruf zurückkehren. Aber nur zu den Bedingungen wie am Anfang ihrer Karriere.

Zusammengefasst: In den vergangenen Jahren haben gerade kleinere Krankenhäuser ihre Geburtsstationen wegen steigender Kosten geschlossen. Größere Kliniken haben Probleme, diese Lücke zu schließen, weil es an Personal fehlt. Dadurch müssen Hebammen immer mehr Geburten betreuen. Wegen der Überlastung arbeiten viele nur noch in Teilzeit oder geben den Beruf ganz auf, was den Personalmangel weiter verschärft. Wie sich das auf die Patientensicherheit auswirkt, ist nur schwer zu beurteilen, weil Kliniken keine Auskunft über etwaige Behandlungsfehler geben müssen.

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