Ein Gespräch über Organspende – mit einem Vater, der durch einen Unfall beide Kinder verlor

Der Unfall ist nun fast acht Jahre her. Aber nie wird es Heiner Röschert, 63, leichtfallen, darüber zu sprechen. Er fühlt beides in sich: den Schmerz, dass die beiden nicht mehr da sind. Und den Stolz darauf, dass sie da waren und wer sie waren, seine zwei Kinder, die bei ihm aufgewachsen sind. Pia, die Ältere, damals 27, stand kurz vor ihrem zweiten Staatsexamen, sie arbeitete als Lehrerin in einer Grundschule. Felix, der Jüngere, 25, war Krankenpfleger. Zu Lebzeiten hatte er seinem Vater gesagt, dass er seine Organe spenden wolle, falls ihm etwas passiert. Heiner Röschert hat 2016 ein Netzwerk gegründet, das die Interessen der Angehörigen von Organspendern vertritt. Er setzt sich dafür ein, dass es in Deutschland mehr Organspenden gibt, und verfolgt gespannt die aktuelle Debatte um ein neues Gesetz, das genau dies erreichen soll. Mit diesem Interview will er dazu beitragen, dass die Spender nicht vergessen werden.

Was ist damals passiert?

Es war Heiligabend 2011. Meine Kinder waren wie jedes Jahr bei mir. Das war Tradition. Ich habe sie allein großgezogen. Meine Frau und ich hatten uns getrennt, als sie noch klein waren.

Wie verlief dieser Weihnachtsabend?

Wir hatten einen Christbaum, ich habe gekocht, es gab eine große Bescherung. Wir haben viel gelacht. Felix war ein sehr humorvoller Typ, er hatte so eine schöne Ironie. Um kurz nach ein Uhr nachts haben die beiden sich aufgemacht, wir haben noch die Geschenke ins Auto geladen. Und dann sind sie los.

Lebten Ihre Kinder in der Nähe?

Ja, beide nur ein paar Kilometer weiter. Pia ist gefahren, sie hatte auch nichts getrunken. Ich lebe in Eibelstadt, in den Weinbergen bei Würzburg. Die beiden mussten nur den Berg runter, durch den Ort und dann auf die Bundesstraße Richtung Würzburg. Pia wollte Felix an seiner WG absetzen und dann weiter in ihre Wohnung. Sie lebte mit ihrem Freund zusammen. Nachdem sie gefahren waren, habe ich noch kurz aufgeräumt und bin ins Bett. Als ich die Wendeltreppe zum Schlafzimmer hoch bin, hörte ich die Feuerwehrsirene im Ort.

Der Unfall passierte so nah?

Ich dachte, da brennt irgendwo der Christbaum. Ich habe mich hingelegt. Vereinbart war, dass Pia mir wie immer eine SMS schickt, wenn sie zu Hause ist. Nur diese zwei Worte: Alles gut. Aber ich bin eingeschlafen. Gegen halb vier hat es dann bei mir an der Haustür Sturm geklingelt.

Die Hirntoddiagnostik

Vor jeder Organspende steht die Frage: Ist der Spender wirklich verloren, oder gibt es Hoffnung? Immerhin arbeitet der Körper noch. Um festzustellen, ob das Gehirn unwiderruflich ausgefallen ist, testen zwei Ärzte zahlreiche vom Hirn gesteuerte Reflexe. Beispielsweise berühren sie mit einem Wattestäbchen das Auge, woraufhin im Normalfall das Lid schließt. Erst wenn all diese Reflexe ausbleiben und eine zweite Untersuchung dies bestätigt, gilt das Hirn als ausgefallen, und der Mensch wird rechtlich für tot erklärt. Danach dürfen die Organe entnommen werden.

Und?

Da standen zwei Männer. Ein Notfallseelsorger und ein uniformierter Polizist. „Können wir vielleicht reingehen?“, fragten sie. „Wir kommen mit schlechten Nachrichten.“ Ich erinnere mich nur verschwommen an diese Momente. Ich habe sie ins Wohnzimmer geführt. Der Polizist hatte Pias Handtasche dabei. Er zog die Ausweise von Pia und Felix heraus. „Sind das Mann und Frau?“ – „Nein“, sagte ich, „das sind Geschwister. Meine Kinder.“ – „Ah, okay.“ Und dann haben sie erzählt, was sie zu diesem Zeitpunkt wussten: dass Pia an der Unfallstelle reanimiert wurde, aber dass nichts mehr zu machen sei, dass sie tot ist. Und dass Felix in die Klinik gebracht wurde. Dass ich mir aber nicht allzu große Hoffnungen machen solle.

Sie sind gleich hin?

Der Geistliche hat mich hingefahren. Es war noch Nacht. Halb fünf. Auf dem Weg sind wir an der Unfallstelle vorbei.

Wollten Sie das?

Nein, man muss dort einfach vorbei, wenn man zur Uniklinik in die Stadt will. Die Autos waren schon abtransportiert. Ich hatte Felix eine Würfelbox mit Notizblättern geschenkt für den Schreibtisch. In verschiedenen Farben. Regenbogenfarben. Die lagen überall auf der Straße. Und ich sah den Laptop, den ich ihm geschenkt hatte. Total verbeult.

Was geschah in der Klinik?

Die Wucht des Aufpralls hatte dazu geführt, dass sie allerschwerste Hirnverletzungen hatten. Ich kam in das Intensivzimmer. Felix lag dort, äußerlich nichts, keine Verletzungen, obwohl am Auto alle Scheiben, alles kaputt war. Er war intubiert. Und die Maschinerie lief. Alles, was geht. Der Oberarzt hat mich aufgeklärt und gesagt: Der Felix sei auf Station bekannt. Auch den Schwestern, die ihn betreuten. Er hat ja als Krankenpfleger in der Uniklinik gearbeitet. In einer anderen Abteilung, in der Zahnklinik. Felix war aber durch die Ausbildung in vielen Abteilungen des Hauses bekannt und beliebt, er war so eine Frohnatur. Und ein guter Fußballer.

+++ Hinweis: Heiner Röscherts Geschichte ist auch Teil eines großen stern-Multimedia-Dossiers, in dem das Thema Organspende von allen Seiten beleuchtet wird +++

Als Sie Felix dort liegen sahen, haben Sie verstanden, was passiert war?

Verstanden vielleicht. Begriffen noch lange nicht. Ich habe zu Felix gesagt: „Hey, mach keinen Scheiß, komm, steh auf, ich nehme dich mit heim.“

Gab man Ihnen etwas zur Beruhigung?

Nein, irgendwie ging es. Ich habe nichts geschluckt, keine Tabletten, keinen Schnaps. Ich glaube, ich habe nicht einmal geraucht. Ich war einfach nur bei meinen Kindern.

Pia Röschert arbeitete als Lehrerin an einer Grundschule, sie stand vor dem zweiten Staatsexamen. Alle Versuche, sie nach dem Unfall zu re animieren, blieben erfolglos. Sie wurde 27 Jahre alt.

Felix Röschert war Krankenpfleger in der Uniklinik, in die er in der Unfallnacht gebracht wurde. Sein Körper arbeitete dank der Maschinen weiter, aber sein Gehirn zeigte keine Reflexe mehr. Er wurde 25 Jahre alt.

Wo war Pia?

Nach einer Viertelstunde bei Felix habe ich gesagt, dass ich zu Pia möchte. Sie war schon in einem normalen Zimmer, ein paar Stockwerke höher. Keine Maschinen mehr. Eine völlig andere Situation. Sie war blass. Ich wusste gleich, sie ist nicht mehr da. Auch ihre Seele ist nicht mehr da. Ich habe gespürt: Pia ist tot, hier kann ich nichts mehr tun. Dann bin ich wieder runter auf die Intensivstation zu Felix.

War er stabil?

Der Kreislauf war durch die Maschinen stabil. Laufen die Maschinen, können die Organe ja praktisch nicht anders als funktionieren. Aber der Arzt hat mir gesagt, dass bei Felix der Verdacht auf Hirntod bestehe. Es muss ein fürchterlicher Aufprall gewesen sein. Die Wucht hatte vor allem den hinteren Bereich seines Hirns verletzt.

Wie war es zu dem Unfall gekommen?

Als Pia auf die Bundesstraße bog und beschleunigte, schossen von hinten zwei Autos heran. Die beiden Männer rasten mit etwa 150 Stundenkilometern durch die Nacht.

Ein Rennen?

Ja, für die Zeugen sah es so aus. Sie hatten davor andere Autos überholt. Der eine Fahrer hatte über zwei Promille. Er raste ungebremst in Pias Auto, katapultierte es in einen Graben, von dort schlug es zurück auf die Straße. Dann prallte der zweite Raser hinein, vorne links in den Kotflügel. Die beiden Männer stiegen praktisch unverletzt aus ihren Wagen. Der eine ist noch in der Nacht nach Hause. Der Betrunkene wurde am nächsten Morgen von seiner Frau aus der Klinik abgeholt.

Während Sie am Bett Ihres Sohnes wachten.

Die Ärzte sagten mir, dass im Laufe des Tages viele Untersuchungen stattfinden würden. Die Maschinen würden weiterlaufen. Man gebe die Hoffnung nicht auf. Um Mitternacht sollte dann die Hirntoddiagnostik stattfinden.

Blieben Sie bei Felix?

Ja, ich saß an seinem Bett. Gegen neun Uhr ging dann der Seelsorger, nahm mir noch das Versprechen ab, dass ich mir nichts antun werde. Ich sagte: Was soll ich mir antun? Da liegt mein Sohn. Für den bin ich da. Ich bin dann nur kurz hoch ins Foyer, um die Partner, Freunde und die Familie zu informieren. Pias Freund war schon zehn Jahre mit ihr zusammen. Er war Teil unserer Familie. Genau wie Felix‘ Freundin. Die beiden waren auch schon drei Jahre zusammen. Sie war für ihr Studium gerade in Frankreich.

Kamen dann alle?

Ja, nach und nach. Die Mutter. Die Verwandtschaft. Pias Freund. Felix‘ Freunde. Sie standen bei Felix und sagten: Der liegt doch da, der hat doch nichts. Der ist vielleicht im Koma. Ich erklärte ihnen, was ich zuvor vom Arzt gehört hatte, dass der Hirntod etwas völlig anderes ist.

Wussten Sie das?

Ja, von Felix selbst. Er hatte mir einmal davon erzählt, wie er selbst einen hirntoten Patienten betreut hatte. Ich wusste von ihm auch, dass noch nie ein Mensch, der nachgewiesenermaßen hirntot ist, zurückgekommen ist.

Wann fiel zum ersten Mal das Wort Organspende?

Irgendwann in einem dieser vielen Arztgespräche. Ich fragte: Geht es Felix besser? „Nein, gleichbleibend schlecht“, war die Antwort. Und dann kam die Frage: Wenn es wirklich so kommen sollte und der Hirntod sich bestätige, ob Felix Organspender sei? Ob ich wisse, wie er dazu steht, und ob ich dem zustimmen würde?

Und?

Ich wusste, dass er einen Ausweis hatte. Also habe ich gesagt: „Ja. Das ist in meinen Augen auch allein der Wille von Felix, das ist keine Frage für mich.“

Hatten Sie da schon alle Hoffnung aufgegeben?

Vielleicht war da noch ein letzter Funken.

Was wussten Sie über Felix‘ Haltung zur Organspende?

Felix hatte in seinem Ausweis einiges ausgeklammert: keine Augen, kein Gewebe. Er wollte Organe spenden, aber nur Organe, das war ihm wichtig.

Fiel es Ihnen schwer zuzustimmen?

Ich musste nicht entscheiden. Das war seine Entscheidung. Sein Wille.

Und wenn er keinen Ausweis gehabt hätte, wenn Sie nie mit ihm darüber gesprochen hätten?

Ich kann nicht sagen, ob ich dann Ja oder Nein gesagt hätte. Man ist in einer Ausnahmesituation. Ich weiß es nicht. Aber eines ist mir auch klar gewesen: Selbst wenn Menschen aus meinem Umfeld gegen die Organspende gewesen wären, selbst wenn ich persönlich etwas dagegen gehabt hätte, das hätte für mich keinen Unterschied gemacht. Es war der Wille meines Sohnes, und den galt es zu befolgen.

Gab es denn jemanden, der dagegen war?

Ja, es gab eine Person, aber darüber möchte ich nicht sprechen.

Wie lösten Sie den Konflikt?

Die Ärzte haben natürlich gestutzt, als sie sahen, dass es jemanden gab, der skeptisch war. Gerade innerhalb der Familie wollen sie Einigkeit haben bei dieser Entscheidung. Aber wir haben dann noch einmal geredet, und dann zählte allein Felix‘ Wille.

Wie ging es dann weiter?

Die Klinik hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation informiert, die die Organentnahme koordiniert. Eine liebenswerte Ärztin aus München kam gleich in die Klinik und hat mir ausführlich alles erklärt. Freunde und Familie waren da schon wieder gefahren. Im Zimmer waren nur noch ich und die Mutter von Felix‘ Freundin. Sie ist auch Krankenschwester.

Was erklärte Ihnen die DSO-Koordinatorin?

Sie hat gesagt, es sei noch nicht bestätigt, es bestehe noch ein Fünkchen Hoffnung. Aber sie würden schon einmal verschiedene Untersuchungen machen, Blutwerte ermitteln und so weiter. Ich schaute mit auf den Laptop, als die Frau die Daten zu Eurotransplant nach Leiden meldete. Dort suchen sie dann die passenden Empfänger. Ich konnte jederzeit alles fragen.

Haben Sie in diesen Stunden Veränderungen an Ihrem Sohn wahrgenommen?

Er hatte ganz leichte Zuckungen in den Armen und Beinen. Die waren kaum sichtbar.

Hat Sie das nicht verunsichert, weil Sie das Gefühl bekamen, er lebe doch noch?

Nein, das bedeutet nicht, dass man lebt. Es sind nur spinale Reflexe, die vom Rückenmark ausgehen. Die gibt es auch bei Toten.

Was haben Sie gemacht, während Sie auf die Diagnostik warteten?

Ich saß an seinem Bett, habe ihn gestreichelt, habe Lieder gesungen, die wir früher gemeinsam im Auto auf dem Weg in den Urlaub gesungen haben. Ich bin eigentlich kein tiefgläubiger Christ, aber ich habe auch gebetet.

Waren Sie bei der Hirntoddiagnostik dabei?

Ich hätte dabei sein können, aber ich wollte es nicht. Die beiden Ärzte kamen so um 23 Uhr. Wir warteten draußen. Danach haben sie mich aufgeklärt.

Und?

Nun war wirklich jede Hoffnung dahin. Wir haben nur noch eine Bitte geäußert: Felix‘ Freundin war ja in Frankreich, sie war gerade auf dem Weg nach Deutschland. Wir wollten unbedingt, dass sie noch auf der Intensivstation von ihm Abschied nehmen konnte. Nicht erst danach, wenn die Organe entnommen sein würden. Wir alle wollten uns davor von ihm verabschieden.

Wenn der Hirntod bestätigt ist, sind die Ärzte angehalten, die Maschinen möglichst bald auszuschalten.

Unsere Bitte war, bis zum frühen Morgen zu warten. In der Nacht wurde Felix‘ Körper instabil. Irgendwann schaffen es eben auch die Maschinen nicht mehr. Aber es hat geklappt. Seine Freundin war um sieben da. Bis neun Uhr konnten wir bei ihm bleiben. Und dann hieß es: „Jetzt müssen wir. Wir wollen nicht, aber wir müssen.“

Da sahen Sie ihn das letzte Mal?

Ich brachte ihn bis zur OP-Tür. Dort habe ich mich verabschiedet. Mir wurde angeboten, dass ich auch danach noch einmal zu ihm in die Klinik kommen könne. Aber das wollte ich nicht.

Warum nicht?

Für mich war es das Beste, mich vor der OP zu verabschieden. Ich hatte keine Kraft mehr. Und ich hatte begriffen, dass er nicht mehr lebt. Er zeigte keine Reaktionen mehr. Es war einzig und allein der Takt der Maschinen, der einen anderen Eindruck erwecken konnte.

Ist es denn zu begreifen, wenn der Mensch da liegt, der Brustkorb sich hebt und senkt, die Haut rosig ist?

Als ich in Pias Zimmer getreten bin, wusste ich gleich, dass sie nicht mehr da war. Bei Felix gab es für mich diesen Punkt nicht. Da war es ein längerer Prozess, bis ich gespürt habe, dass auch er nicht mehr da ist, dass es nur seine Organe sind, die von den Maschinen getragen werden.

Was haben Sie getan, als Felix im OP war und seine Organe entnommen wurden?

Ich bin mit dem Taxi nach Hause. Am Nachmittag rief mich dann die DSO-Koordinatorin an und sagte, dass die Entnahme funktioniert habe. Von sieben möglichen Organen hat Felix fünf gespendet.

Und dann?

Dann ist man allein. Da kommt nichts mehr. Das war am zweiten Weihnachtstag. Am nächsten Tag bin ich zum Hausarzt, um Beruhigungsmittel zu bekommen.

Haben Sie sich noch andere Hilfe geholt?

Später. Erst einmal habe ich mich weiter um meine Kinder gekümmert, um die Beerdigung. Ich wollte einen Ort, zu dem ich immer schnell hinkonnte. Wir haben in Würzburg einen Waldfriedhof. Da steht eine schöne, große, alte Buche. Ich habe dort ein Herz aus Stein anbringen lassen. Es ist auch alles so vorbereitet, dass ich zu meinen beiden Kindern komme, wenn es einmal so weit ist.

Haben Sie etwas von den Organempfängern gehört?

Nein, ich darf sie ja auch nicht kennenlernen, das ist in Deutschland verboten. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich das wollte. Ich weiß aber, dass es vier Empfänger gibt. Drei Männer und eine Frau. Einer von ihnen hat zwei Organe bekommen. Und allen vier geht es gut.

Woher wissen Sie das?

Jedes Jahr bekomme ich einen Brief der DSO, in dem mir in einigen Sätzen mitgeteilt wird, wie es den Empfängern aktuell geht. Ich kenne aber nur ihr Alter und das Geschlecht.

Tröstet es Sie, dass Ihr Sohn vier Leben gerettet hat?

Trösten nicht, dafür ist die Trauer zu groß. Meine Kinder sind tot, und niemand kann das ändern. Aber ich empfinde es als eine positive Nachricht. Viermal sieben Jahre sind es jetzt schon. Mehr als 28 Jahre Leben für die Organempfänger.

Würden Sie denn gern mehr über die Empfänger erfahren?

Ich habe lange nicht darüber nachgedacht, in welchem Menschen nun Felix‘ Herz schlägt. Ich konnte das nicht. Aber heute fühlt sich das anders an. Vor ein paar Jahren habe ich den Empfängern Briefe geschrieben, die über die DSO anonym weiter geleitet wurden.

Und?

Es kam keine Antwort. Aber das ist okay.

Wünschen Sie sich etwas vonseiten der Empfänger?

Nur, dass sie sorgsam mit den Organen meines Sohnes umgehen. Wenn einer der Empfänger sterben sollte, würde ich es gerne erfahren. Ich würde gerne zu dessen Beerdigung. Denn mit ihm wäre auch ein Organ meines Sohnes endgültig gestorben.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe sehr dunkle Jahre hinter mir. Ich war mehrere Male stationär in Kliniken, weil ich unter Depressionen und einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung leide.

Konnten Sie je wieder arbeiten?

Nein. Ich war früher Geschäftsstellenleiter der Handwerkskammer für Unterfranken. Ich habe es mehrfach versucht, bin aber immer wieder abgestürzt. An eine Rückkehr in den Beruf war nicht zu denken.

Wurden die Unfallverursacher bestraft?

Zwei Jahre später fand der Prozess statt. Der eine bekam eine Geldstrafe, der andere unter drei Jahren Haft. Damals urteilten die Gerichte bei Raserunfällen noch milde. In den Gedenkstein am Grab habe ich gravieren lassen, dass es zwei Raser waren, die Pia und Felix das Leben nahmen. Das soll jeder erfahren.

Warum tun Sie sich das an, öffentlich über das Sterben Ihrer Kinder zu sprechen?

Ich habe gesehen, dass in diesem Bereich vieles nicht gut läuft. Dass die Betreuung der Angehörigen besser werden muss. Ich habe deswegen im Jahr 2016 ein Netzwerk für Angehörige von Organspendern gegründet.

Was läuft nicht gut?

Kein Mensch sollte aus der Klinik gehen, in der sein Angehöriger gestorben ist, ohne einen Anlaufpunkt zu haben. Es sollte auch so etwas wie eine Nachsorge für die Angehörigen von Organspendern geben. Schon in der Klinik muss jemand sein, der ihnen Medikamente verschreiben kann, um über die ersten Tage zu kommen. Aber vor allem wollen wir den Austausch unter den Angehörigen verbessern.

Hilft Ihnen das Reden mit anderen Angehörigen?

In unserem Netzwerk sind Familien, deren Verlust ganz frisch ist. Bei anderen liegt er Jahre zurück. Wir können uns gegenseitig trösten. Wir möchten, dass unsere Kinder und Angehörigen nicht vergessen werden. Sie sind Lebensretter. Wir sprechen über sie an Universitäten, Kliniken und Schulen. Wir unterstützen zum Beispiel eine Gruppe von Medizinstudenten. Sie setzen sich dafür ein, dass im Medizinstudium das Wahlfach „Aufklärung Organspende“ angeboten wird. Und wir wollen zeigen, dass es ein Thema ist, das jeden treffen kann. Dass es so wichtig ist, darüber zu sprechen.

So wie es Felix mit Ihnen gemacht hat?

Genau. Er war mutig. Die eigenen Organe zu spenden ist für mich die größte Entscheidung, die ein Mensch treffen kann. Es gibt kein größeres Geschenk.

Mit seiner Entscheidung hat er Ihnen viel abgenommen.

Ja, ich kann allen Menschen nur empfehlen: Nehmt einen Organspendeausweis, füllt ihn aus, mit Ja oder mit Nein. Nur dann wissen die Angehörigen, was der Wille des Verstorbenen ist. Und den gilt es umzusetzen und nichts anderes.

Sie haben auf unvorstellbar tragische Weise beides erlebt: einen Abschied mit und einen Abschied ohne Organspende. Hat die Organspende es schwerer gemacht?

Für das Abschiednehmen war die Spende positiv. Ich hatte bei Felix mehr Zeit.

An welche Bilder erinnern Sie sich heute, wenn Sie an Ihre Kinder denken?

Ich denke an Bilder aus ihrer Kindheit und Jugend. Von unseren gemeinsamen Urlauben, vom Skifahren.

Und die zwei Tage in der Klinik?

Die sind nur noch im Hintergrund.

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