Albtraum für Schwangere – so dramatisch wirkt sich der Hebammen-Mangel aus

Immer mehr Kliniken schließen ihre Kreißsäle. Für viele Hebammen lohnt sich die Arbeit aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen nicht mehr. Das hat vor allem schlimme Folgen für werdende Mütter, die zunehmend Stress haben, eine gute Betreuung bei Geburtshilfe und Nachsorge zu finden.

„Suche verzweifelt eine Hebamme“, schreibt eine Userin auf Facebook, andere berichten, lange vergeblich gesucht und zahlreiche Absagen erhalten zu haben. Auf sozialen Netzwerken oder Foren sind Einträge von werdenden Müttern nicht selten, die dringend nach einer Hebamme fragen, weil sie schon zu spät dran seien. Zu spät heißt offenbar manchmal schon, dass sich die Schwangeren erst nach der 10. Schwangerschaftswoche gemeldet haben.

Andere Mütter berichten von ihren traumatischen Erfahrungen bei der Geburt. „Ich wurde im Kreißsaal immer wieder alleine gelassen, weil die Hebamme noch drei andere Geburten betreuen musste, auch als ich nach Wehentropfen vor Schmerzen um Hilfe geschrien habe und auch während der Preßwehen, obwohl wir immer wieder drum gebeten haben, dass jemand da bleibt“, schreibt eine Frau auf Twitter.

Haben auch Sie den Hebammenmangel in Deutschland schon selbst erlebt? Schreiben Sie uns ihre Geschichten unter [email protected]

Geburtshilfe ist für viele Kliniken finanziell nicht attraktiv

In deutschen Krankenhäusern herrscht Hebammen-Mangel. Seit Jahren geht die Zahl der Kreißsäle massiv zurück. Dem Deutschen Hebammenverband zufolge gab es im Jahr 1991 noch 1186 Krankenhäuser mit Geburtshilfe, im Jahr 2014 waren es nur noch 725 – ein Rückgang von etwa 40 Prozent.

Seit 2015 sind nach Angaben des Verbands weitere 83 Kreißsäle geschlossen worden oder von der Schließung bedroht. Das hat laut Susanne Steppat vom Deutschen Hebammenverband oft ökonomische Gründe, denn die Geburtshilfe ist für manche Kliniken finanziell nicht attraktiv. Und selbst wenn die Krankenhäuser die Kreißsäle gar nicht schließen wollen, sind sie manchmal trotzdem vorübergehend dazu gezwungen. Denn sie finden nicht genug qualifiziertes Personal, das unter diesen Bedingungen arbeiten möchte.

„Die Unterversorgung ist in Deutschland flächendeckend“, sagt Steppat. Das liege gar nicht unbedingt daran, dass es zu wenig Hebammen-Nachwuchs gebe. Im Gegenteil: „Jedes Jahr werden mehr Menschen zu Hebammen ausgebildet“, berichtet die Expertin – aber viele bleiben aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nicht in den Kliniken.

Hebamme berichtet: „Es gab Zeiten, an denen ich am Rande meiner Kräfte war“

Andrea Hagen-Herpay hat 35 Jahre lang als Hebamme im Krankenhaus gearbeitet – unter anderem auch als Kreißsaalleitung. Obwohl sie ihren Beruf als sehr sinnhaft erlebt hat, war auch ihr manchmal alles zu viel: „Es gab Zeiten, an denen ich am Rande meiner Kräfte war.“

Aus der Sicht von Hagen-Herpay hat der Hebammenmangel verschiedene Ursachen. Zum einen wurden in den letzten Jahren wieder mehr Kinder geboren. Während in den 2000-er Jahren die Zahl der Geburten in Deutschland kontinuierlich zurückging, stieg sie seit 2012 kontinuierlich an – von 673.544  auf 792.131 im Jahr 2016. Lediglich im Jahr 2017 sank sie im Vergleich zum Vorjahr wieder leicht.

„Einen lokalen Babyboom habe ich in den 35 Jahren, die ich als Hebamme arbeite, immer mal wieder erlebt“, sagt Hagen-Herpay. In diesen Fällen sei aber aus Kostengründen darauf verzichtet worden, mehr Personal einzustellen.

In manchen Krankenhäusern putzen die Hebammen am Ende ihrer Schicht noch

Als weiteren Grund für den Hebammenmangel gelten die schwierigen Arbeitsbedingungen. In Kliniken arbeiten Hebammen im Schichtdienst. Oft betreuen sie mehrere Geburten gleichzeitig. Hagen-Herpay erzählt von einer Klinik, wo „im Akkord“ gearbeitet wird, wo zwei Hebammen im Dienst auch mal acht Frauen gleichzeitig bei der Entbindung betreuen und danach noch den Kreißsaal putzen sollen. Auch könne es vor allem in kleineren Häusern passieren, dass andere Dienste, wie etwa ambulante Betreuungen oder zunehemend Dokumentationsaufgaben zu den Aufgaben der Hebammen hinzukommen.  

„ Es ist ähnlich wie in der Pflege – es ist ein Wahnsinnsaufwand inzwischen, was man an Dokumentationen und Papieren erledigen muss, man macht eigentlich alles doppelt und dreifach“, erklärt die Hebamme. Überstunden sind keine Seltenheit, Pausen oft nicht möglich.

„Ich kann so schwer Pause machen, weil ich es gar nicht gewohnt bin, mich hinzusetzten. Wenn viel zu tun ist, rennt man herum und steckt sich zur Not ein Stück Zucker in den Mund, weil man nicht zum Essen kommt“, erzählt die Hebamme. Es gebe zwar auch andere Tage, an denen weniger zu tun sei, aber eine 1:1-Betreuung von Hebamme und gebärender Frau sei dennoch kaum möglich. „Oft rennt man nur von einer Tür zur nächsten. Das ist keine Betreuung“, findet Hagen-Herpay.

Hebammen in deutschen Kliniken betreuen dreimal so viele Frauen wie im europäischen Ausland

Die Hebammen in Deutschland betreuten etwa drei- bis fünfmal so viele Frauen wie im europäischen Ausland, bestätigt Susanne Steppat: „Das hat fast einen Fließbandcharakter.“ Allerdings würden Frauen heute häufig auch mehr Leistungen in Anspruch nehmen. Daher kann eine Hebamme weniger Frauen betreuen als früher und es werden zwangsläufig mehr Hebammen benötigt.

Der Grund dafür: „Es fehlen Vorbilder und Bezugspersonen“, sagt Steppat. Viele junge Familien haben ihre Angehörigen oder Freunde nicht in der Nähe und daher niemanden, der ihnen mit der Situation vor Ort helfen kann. „Ich glaube, dass heute auch ganz viele Menschen verunsichert sind, weil der Familienzusammenhalt fehlt. Das ist ja ein Chaoszustand erstmal, plötzlich ein Kind zu haben. Da brauchen die Frauen Hilfe, weil sie zum Beispiel keine großen Schwestern haben, denen sie beim Stillen zugesehen haben.“

Die Konsequenzen des Hebammen-Mangels: Frauen suchen Hilfe, finden sie nicht und müssen alleine zurechtkommen. „Wir können davon ausgehen, dass es Frauen gibt, die traumatische Erlebnisse gemacht haben, weil sie in der schwierigen Situation der Geburt alleine gelassen wurden und damit zurechtkommen mussten“, sagt Steppat. Verbessern könnte sich die Situation der Expertin zufolge, wenn die Arbeitsbedingungen in den Kliniken besser würden, es vernünftige Personenbemessungen geben würde. Bis dahin bleibt Frauen zu raten, sich gleich zu Beginn der Schwangerschaft nach einer Geburtsklinik und einer Wochenbett-Hebamme umzusehen.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen

Zusammenhängende Posts