Fasten mit 750 Kalorien am Tag

Die Verpackung ist elegant und minimalistisch: fünf weiße Pappboxen mit hellgrünen, blattlosen Bäumen. In den kleinen Schachteln befindet sich jeweils das Essen für einen Tag: zwei Tütensuppen, Nussriegel, Oliven, Teebeutel, Multivitamintabletten. In manchen gibt es noch Cracker. Scheinfasten-Diät (Fasting Mimicking Diet) heißt diese fünftägige Kur, bei der ich – im Gegensatz zur Nulldiät – eben ein bisschen was essen darf: rund 1100 Kalorien am ersten Tag, rund 750 Kalorien an den Tagen zwei bis fünf.

Das klingt gar nicht mal so wenig, ist es aber. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich auf Essen verzichte. Ich habe kein Übergewicht und hatte auch noch nie das Bedürfnis, meinen Körper mit einer Heilfastenkur zu reinigen. Aber Freunde haben mir euphorisch von ihren Fastenerfahrungen berichtet, und darüber, wie leicht und frei sie sich gefühlt haben, wie viel Zeit sie plötzlich hatten. Das will ich jetzt auch ausprobieren.

Tag 1

Eine Kapsel Öl, ein Nussriegel, dazu Tee: Das ist mein Frühstück. Der Nussriegel hat 280 Kalorien und wirkt trotzdem ziemlich klein auf meinem Teller. Er schmeckt, macht aber nicht satt. Mittags gibt es eine Tütensuppe und vier kleine, dunkelgrüne Cracker, nachmittags darf ich noch einen Nussriegel essen, es ist ja der kalorienreichste Tag. Das Abendessen besteht aus Tütensuppe, zehn Oliven und einem Mini-Schoko-Nussriegel.

Für die gesamte Tagesration habe ich 40 Euro bezahlt, insgesamt kostet die Scheinfasten-Diät-Box 199 Euro – eine ganze Stange Geld für so überschaubare Menüs. Entwickelt wurde die Fastenkur von dem Altersforscher Valter Longo, der an University of California in Los Angeles lehrt. Der italienisch-US-amerikanische Zellbiologe erforscht seit Jahren, wie sich Fasten auf die Zellerneuerung auswirkt. Obwohl man bei seiner Diät eine gewisse Menge an Kalorien zu sich nimmt, habe man vergleichbare Fasteneffekte wie beim Verzicht auf Essen, so Longo. Der Körper werde quasi ausgetrickst.

Er hat die Firma L-Nutra ins Leben gerufen und vermarktet darüber seine Diät weltweit. Privat verdiene er an der Diät-Kiste nicht, so Longo, sein Gewinnanteil fließe ausschließlich in seine Forschung.

Tag 2

Ich hatte keine Ahnung, wie müde Fasten macht. Wahrscheinlich würde ich den ganzen Tag schlafen, wenn ich ganz auf Nahrung verzichten müsste. Kaffee? Valter Longo erlaubt ungesüßten Espresso – für Koffein-Abhängige. Das will ich aber nicht sein. Meine Kopfschmerzen sagen mir allerdings etwas anderes.

Fasten in Form von Heilfasten oder Null-Diät sei „zu hart“, sagt Valter Longo in einem Interview in der neuen Ausgabe von SPIEGEL WISSEN „Gesund durch Fasten“. Außerdem führe der komplette Nahrungsverzicht zum Verlust an Muskelmasse. Das sollen die ausgewählten Nahrungsmittel wie Nüsse und Gemüse verhindern.

Statt Latte Macchiato im Glas fülle ich aus einem Fläschchen, das zur Tag-2-Box gehört, ein paar Milliliter durchsichtige Flüssigkeit in eine Trinkflasche, die „Made in Italy“ ist. Und BPA-frei. „Vegetable Glycerin“ lese ich unter „Ingredients“. Nie gehört. Wikipedia sagt: Glycerin ist ein Zuckeralkohol, der in menschlichen Stoffwechselprozessen vorkommt. Aber auch in E-Zigaretten, Schmierstoffen und Weichmachern.

Zur Teatime am Nachmittag gibt es Oliven. Als ich die hübsche weiße Packung aufreiße, werde ich ärgerlich: nur sechs Stück! Gestern waren doch noch zehn in der Packung.

Tag 3

Zu den heilsamen Wirkungen des Fastens gibt es bereits zahlreiche Studien – es ist ein kleines Feld, das in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Mausversuche etwa weisen darauf hin, dass Fasten das Risiko für Krebs, Entzündungen und Autoimmunerkrankungen senkt, bei Menschen nimmt den Erkenntnissen zufolge die Gefahr für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs ab.

Mein Krebsrisiko zu mindern klingt gut. Viel wichtiger ist mir momentan aber mein Hunger. Vielleicht finde ich ihn so gemein, weil ich davon ausgegangen war, dass sich mein Stoffwechsel an Tag 3 umgestellt haben und das Hungergefühl verschwunden sein würde. Das jedenfalls hatten mir alle prophezeit, die mal gefastet haben. Longo spekuliert später auf Rückfrage, dass es vielleicht an meinem niedrigen BMI von 19,5 liegen könnte, dass mein Stoffwechsel sich so langsam umgestellt hat. Er rät Menschen mit einem BMI unter 18 und von über 65 Jahren vom Fasten ab.

Tag 4

Hunger. Hunger. Hunger. Ich gehe nur noch zu den Sitzungen in die Redaktion, weil ich nicht zuschauen will, wie die Kollegen in die Kantine gehen und anschließend wieder satt und zufrieden in ihren Büros verschwinden.

Heute gibt es Quinoa-Tütensuppe, obwohl Longo es für das Gesündeste hält, wenn man das isst, was schon die Vorfahren konsumiert haben. Meine Ahnen stammen alle aus Deutschland und nicht aus Südamerika. Produziert wurde die Quinoa-Suppe in Italien, wie alles in dem Paket. Deshalb gibt es auch Minestrone und Tomatensuppe.

Tag 5

11.30 Uhr, fast High Noon, und jetzt endlich beginnt mein High. Ich habe keinen Hunger mehr, was für eine Erleichterung. Und gleichzeitig: Was für eine Enttäuschung! Jetzt habe ich mich viereinhalb Tage gequält, um dann nur einen halben Tag das Gefühl zu genießen, nicht mehr essen zu müssen? In den vergangenen Tagen habe ich sehr wenig Proteine zu mir genommen. Von Diäten, bei denen man viele Proteine isst und wenig Fleisch, hält Longo nichts. Er kenne keine Population von Langlebigen, die große Mengen an tierischem Eiweiß und Fett äße.

Tag 6

Ich dürfte nun vorsichtig anfangen zu essen. Mache ich aber nicht. Ich hänge 24 Stunden Fasten dran, mit Tütensuppen aus dem Bio-Supermarkt, notgedrungen. Sie schmecken furchtbar.

Tag 7

Ich habe Appetit, aber keinen Hunger. Deshalb könnte ich auch weiter fasten. Aber ich habe zwei Kilo verloren, und mehr soll es nicht werden. Mit Gemüse, Nudeln, Reis soll ich laut Packungsbeilage anfangen. Das entspricht der „Longevità“-Diät, die Longo in seinem Buch für die tägliche Ernährung empfiehlt. Sie ähnelt der sogenannten Mittelmeer-Diät: Gemüse, Kichererbsen, Olivenöl, ab und zu etwas Fisch und Fleisch.

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Wenn Sie unter einer Essstörung leiden, sich trotz Untergewicht zu dick fühlen oder versuchen, durch Hungern, Appetitzügler, Abführmittel oder Erbrechen abzunehmen: Dann fasten Sie bitte nicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat hier Hilfsangebote für Menschen mit einer Essstörung aufgelistet.

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